Der Medien-Kommissar: Das neue Salzburg

Der Medien-Kommissar: Das neue Salzburg

, aktualisiert 21. August 2017, 16:51 Uhr
von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Europa wichtigstes Kulturfestival wird nach vielen Jahren der inhaltlichen Stagnation entstaubt: Die Salzburger Festspiele öffnen sich endlich für das Ungewöhnliche und Unerwartete. Doch alles klappt noch nicht.

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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Salzburg ist wieder die große Bühne. Am Mittwoch wird Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron samt Gattin auf Einladung des österreichischen Bundeskanzlers Christian Kern ein Konzert bei den Salzburger Festspielen besuchen. Der Ort passt in diesem Jahr besonders gut. Denn Macron und sein zur Wiederwahl stehender Amtskollege in der Alpenrepublik wollen ihre Länder entstauben. Genau das versuchen auch die Salzburger Festspiele – nach Jahren der inhaltlichen Stagnation.

Unter dem neuen Intendanten Markus Hinterhäuser werden endlich neue Wegen beschritten. Statt mit gängigen Opern auf Nummer sicher zu gehen, geht der frühere Chef der Wiener Festwochen andere Wege. Mit ihm sind die Salzburger Festspiele wieder zu einem Ort des Ungewöhnlichen und Unerwarteten geworden.

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Die selten gespielte Oper „La clemenza di Tito“ unter der kongenialen Regie von Peter Sellars und der exzellenten musikalischen Leitung von Teodor Currentzis, Alban Bergs imposantes Kriegsopus „Wozzeck“ oder „Lady Macbeth von Mzensk“, die faszinierende Geschichte der Emanzipation mit Sex, Blut und Gewalt von Dmitri Schostakowitsch sind dafür Paradebeispiele. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte die russische Oper mit ihren einprägsamen Bildern.

Im Bemühen um eine Entstaubung der Salzburger Festspiele gelingt mit einem Schlag nicht alles. Das Schauspiel erweist sich als sensibler Punkt der Erneuerung. Die Inszenierung von Frank Wedekinds expressionistisches Skandaldrama Lulu – stets eine große Herausforderung für jeden Regisseur – blieb unter den Erwartungen. Aber auch Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ des New Yorker Theaterunternehmen 600 Highwayman mit einem Mix aus Laiendarstellern und Schauspielern erwies sich als Enttäuschung.

Unterm Strich bleibt: Das Risiko des neuen Intendanten Hinterhäuser hat sich ausgezahlt. Salzburg ist wieder inhaltlich spannend. Das ist eine große Leistung. Als ich Helga Rabl-Stadler, seit 22 Jahren Präsidentin der Salzburger Festspiele, in ihrem heiteren, mit frischen Blumen geschmückten Büro im Salzburger Festspielhaus besuche, ist die 69-Jährige begeistert, geradezu euphorisch. „Dieser Sommer schreibt Festspielgeschichte“, schwärmt die ehemalige Journalistin, Unternehmerin und Politikerin.


Die bleierne Zeit in Salzburg ist passé

Vielleicht ist es für so ein Urteil noch etwas früh, um über die Erneuerung endgültig zu urteilen? Schließlich läuft die Festspielsaison noch bis 30. August. Doch schon ist klar, die bleierne Zeit in Salzburg ist passé. Hinterhäuser hat es geschafft, die Fenster weit zu öffnen und einen neuen Wind in Salzburg wehen zu lassen. Das ist umso wichtiger, denn bereits in drei Jahren feiern die Festspiele ihren 100. Geburtstag. Spätestens dann stellt sich die Sinnfrage für das 62 Millionen Euro teure Festival.

In diesem Jahr stand inhaltlich das Thema Macht in all seinen Variationen auf dem Programm. Eine exzellente Idee – gerade für die vielen Politiker im Publikum. Nur schade, dass Macron und Kern statt ein Konzert nicht die gefeierte Oper schleudert der römische Kaiser Tito in der Salzburger Felsenreitschule den Zuschauern entgegen: „Wie erhaben der Thron auch sei, das einzige Streben sei, Gutes zu tun: Alles andere ist Qual und Versklavung.“

Und später ergänzt der gute Mächtige, der in einer Welt voller Zorn und Gewalt versöhnen will: „Was bliebe mir, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, den Unterdrückten zu helfen, meinen Freunden beizustehen, und für Verdienst und Tugend Belohnung zu gewähren“. Wenn das keine Botschaft für zwei s ist, die verzweifelt versuchen, ihre Länder neu zu erfinden und aus dem Stimmungstief zu kommen.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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