Der Medien-Kommissar: Der „genagelte Fernseher“

Der Medien-Kommissar: Der „genagelte Fernseher“

, aktualisiert 29. März 2016, 15:04 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Manchmal witzig, oft provokant, bisweilen verstörend untersucht die Ausstellung „TeleGen“ in Liechtenstein die Veränderung unserer visuellen Kultur. Warum die Zeit des Sinnstiftungsapparates Fernseher vorbei ist.

Hunderte von Nägeln umringen u-förmig die graue Mattscheibe. Die Unterhaltungsmaschine Fernsehen wird dadurch zum malträtierten Alltagsgerät. Die Arbeit des Düsseldorfers Günther Uecker mit dem schlichten Namen „TV auf Tisch“ ist bereits über ein halbes Jahrhundert alt. Sie ist längst eine Kunstikone in der Auseinandersetzung mit dem Fernsehen geworden.

Zu sehen ist das legendäre Objekt in der Ausstellung „TeleGen“ im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz. Die Schau, die Experten im Kunstmuseum Bonn entwickelt haben, untersucht manchmal witzig, oft provokant, bisweilen verstörend die Veränderung unserer visuellen Kultur seit den 1960er-Jahren.

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Ueckers Objekt des „genagelten Fernsehers“ von 1962 ist ein exzellenter Ausgangspunkt für die künstlerische Interpretation des Massenmediums. Denn zu Beginn der 1960er-Jahre hatte das Fernsehen das Kino auf den zweiten Platz verdrängt. Es entwickelte sich zum Massenmedium – auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So ließ der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zum Beispiel auch das ZDF gründen.

Wer die außergewöhnliche Ausstellung in Bonn im Winter verpasst hat, kann den Besuch nun bis zum 16. Mai im Fürstentum Liechtenstein nachholen.

Die Bandbreite der Werke, die das Verhältnis zwischen Medium und bildendender Kunst untersuchen, ist enorm. Künstler von Tom Wesselmann, Dennis Hopper über John Cage bis hin zu Christoph Schlingensief, Thomas Demand und Tobias Rehberger stellen ihre Kunst aus. Dem Betrachter wird die rasante Veränderung unserer visuellen Kultur deutlich.

Als 1997 Christoph Schlingensief in seiner von RTL, Sat 1 und ORF ausgestrahlten Talkshow das Genre um die Dimension der peinlichen Privatheit erweiterte, war das noch eine Provokation. Wer heute im Museum die sieben Folgen der 25 Minuten langen Gesprächsrunden anschaut, kann darüber allerdings nur müde lächeln. Denn heute sind längst alle Schranken der Peinlichkeit und der Privatheit über alle Sender hinweg gefallen. Den „Geissens“ von RTL 2 sei Dank.

Diese Schau ist sehenswert, weil sie gerade keine bitterernste Kunstangelegenheit ist.


„Ich habe heute leider kein Foto für Dich“

Mit feiner Ironie macht sich zum Beispiel der Künstler Stefan Hurtig mit seiner Installation „Challenge“ (2012/2014) über die Castingshows vom Schlage „Germany’s Next Topmodel“ auf Pro 7 lustig. Heidi Klums vernichtender Satz zu den Kandidatinnen lautet: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“

Der Leipziger Videokünstler ironisiert auf diese Weise die artifizielle Dramatik, in dem er ausschließlich knallrote Lippen auf einem ansonsten schwarzen Bildschirm zeigt. Dieser an Ketten aufgehängte Screen pendelt scheinbar schwerelos durch den Kunstraum. Aus den Lautsprechern tönt: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich. Das tut mir leid“.

Spätestens in diesem Augenblick begreift der Betrachter, dass die Zeit des gesellschaftlichen Sinnstiftungsapparates Fernseher vorbei ist.

Die Liechtensteiner Schau unternimmt erfolgreich den Versuch, die Austauschbarkeit, Beliebigkeit und Hemmungslosigkeit des Mediums mit einem Augenzwinkern zu entzaubern. Nirgendwo sonst lässt sich derzeit unsere teilweise absurde Telegenese im digitalen Medienzeitalter besser studieren.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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