Der Medien-Kommissar: Die gefährliche Spirale des Populismus

Der Medien-Kommissar: Die gefährliche Spirale des Populismus

, aktualisiert 22. Mai 2017, 18:01 Uhr
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In Österreich findet ein gnadenloses Rennen der Gefallsucht statt.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern warnt Medien und Politik vor einer gnadenlosen Gefallsucht. Das hat durchaus Ironie – ist der Regierungschef doch selbst Teil der von ihm angeprangerten Spirale des Populismus.

Einen eleganteren Rahmen für den Start in die Woche hätte sich Österreichs Bundeskanzler Christian Kern nicht wählen können. Umgeben von der opulenten Pracht des Wiener Rathauses eröffnete der sozialdemokratische Regierungschef den European Newspaper Congress. Der Redner war vom Verleger Johann Oberauer („Kress“) nicht nur angesichts seines Amtes ausgewählt worden. Denn Kern hat Kommunikationswissenschaften studiert und war früherer als Wirtschaftsjournalist tätig. Der 51-Jährige weiß daher beim Thema „Im selben Boot? Politik und Medien im Zeitalter von Fake-News und Populismus“ worüber er spricht.

Im Gegensatz zu manch anderen Redner des Mediengipfels machte sich der Regierungschef tatsächlich tiefere Gedanken über die „wechselseitige Konditionierung“ von Medien und Politik. Seine ernüchternde These: „Politik und Medien bedienen eine Spirale des Populismus.“ Durch die Digitalisierung wird diese Spirale immer weiter gedreht. So weit, dass Politiker und Medien die tatsächliche Wirklichkeit ignorieren. Kern diagnostizierte den Algorithmus als „neuen Gott der Quote“. Information entpuppe sich als Ware, die mit Klicks bezahlt werde.

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Das eine ist die medienwissenschaftliche Erkenntnis, das andere die politische Realität. Tatsächlich findet in Österreich mit dem Sozialdemokraten Kern und seinen konservativen Herausforderer Sebastian Kurz (ÖVP) ein gnadenloses Rennen der Gefallsucht statt. Beide Politiker drehen die Spirale des Populären immer weiter. „Politik besteht heute zu 95 Prozent aus Inszenierung“, konstatiert und kritisiert der Kanzler zugleich. Nachdem die ÖVP unter ihren neuen Chef Kurz die ohnehin dahindümpelnde Koalition in der vergangenen Woche platzen ließ, muss Kern sich im Oktober bei den vorgezogenen Wahlen dem Votum der Bürger stellen.

Das Lamentieren des Kanzlers über die Medien ist nicht frei von unfreiwilliger Ironie. Denn Kern ein Musterbeispiel für die Gefallsucht. Um sein volkstümliches Image aufzupolieren, lässt der Wiener bisweilen den medialen Anstand vermissen. Sein Auftritt als Pizzalieferant war eine verfehlte PR-Nummer. Zu Jahresbeginn inszenierte sich Kern mit einer zweistündigen, genauestens einstudierten Rede in einer von Anhängern gefüllten Arena in der rechtspopulistischen Hochburg Wels als politischer Messias und eröffnete ohne Not einen Wahlkampf zwischen den Regierungsparteien.


Kern hat im Kampf um die Popularität seinen Meister gefunden

Sowohl die Medien als auch die Bürger durchschauen das PR-Spiel. Denn die ehrgeizigen und teilweise auch richtigen Ziele einer Runderneuerung Österreich haben angesichts der konträren Selbstinszenierung in der rot-schwarzen Regierung nicht funktioniert. Die Enttäuschung darüber ist in Österreich groß. Der Bruch des Regierungsbündnisses und Neuwahlen sind daher der einzige Ausweg, um den Stillstand zu überwinden.

Mit dem erst 30-jährigen Kurz hat Kern im Kampf um die Popularität seinen Meister gefunden. Denn der Außenminister und frischgebackene ÖVP-Chef beherrscht ebenfalls die hohe Kunst der Selbstinszenierung aus dem Effeff. Bislang machte der ehemalige Jura-Student keinen einzigen groben Fehler bei der geschickten Darstellung der eigenen Person gemacht. Das Ergebnis: als neuer Kanzlerkandidaten hat er bei den jüngsten Umfragen bereits einen deutlichen Vorsprung vor dem Amtsinhaber erzielt.

Wenn nicht ein politisches Wunder geschieht, werden Kurz oder Kern nur mit Hilfe der ehemaligen Haider-Partei FPÖ eine Regierungsmehrheit erzielen können. Dann sitzen die Rechtspopulisten wie einst unter ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel wieder an den Schalthebeln der Macht. Spätestens dann wird die Spirale des Populismus vom neuen Kanzler noch weiter gedreht werden – vielleicht bis zur Schmerzgrenze oder sogar darüber hinaus.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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