Der Medien-Kommissar: Die zensierte Wirklichkeit der Uefa

Der Medien-Kommissar: Die zensierte Wirklichkeit der Uefa

, aktualisiert 13. Juni 2016, 17:05 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Europäische Fußballverband blendet Gewalt und Provokation bei der EM aus. Wann kann sich der Zuschauer das ganze Bild der Europameisterschaft im Fernsehen machen?

Schöne Bilder von der Fußball-Europameisterschaft (EM) haben für die UEFA die oberste Priorität, damit das Geschäft mit der heilen Fußballwelt läuft. Deshalb hat der europäische Fußballverband auch kein Problem mit der Zensur. Dem Zuschauer werden bislang randalierende Hooligans oder die nackten Spaßvögel live weitgehend vorenthalten. Auch bei dieser EM sendet die UEFA nur diejenigen Bilder, die der Zuschauer eben sehen soll. Deshalb waren im ZDF beispielsweise auch die schweren Ausschreitungen beim Spiel zwischen Englisch und Russland für den deutschen Zuschauer live nicht zu sehen. Doch die ARD hatte ein Kamerateam im Stadion, das später die Gewalt am Spielfeldrand doch noch zeigen konnte.

ARD und ZDF haben lange gebraucht, sich gegen diese seit Jahren praktizierte Zensur zu wehren. Die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten haben der UEFA ihre Bitte vorgetragen, das ganze Bild der EM in Frankreich zu liefern. Die Zuschauerproteste und die massive Kritik in den sozialen Medien haben zu dieser längst überfälligen Reaktion der Öffentlich-Rechtlichen geführt.

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Wann sich endlich der Zuschauer das ganze Bild im Stadion machen kann, steht allerdings in den Sternen. Die UEFA lässt sich zwar vom deutschen Gebührenzahler die EM finanzieren, doch das Monopol auf die Live-Bilder behält die am Genfer See residierende Organisation zu 100 Prozent. Deshalb war auch die Gewaltorgie im Stadion von Marseille nicht zu sehen.

„Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind“, teilt die UEFA klar und deutlich mit. Nach den Verträgen mit den Fernsehsendern hat sie dazu auch das Recht. ARD und ZDF können nur bitten, die Zensur im Stadion durch den europäischen Fußballverband aufzuheben. Deshalb werden voraussichtlich auch in Zukunft Fußball-Kommentatoren im Notfall zu Radioreportern mutieren, um die nicht gezeigten Bilder auf der Mattscheibe mit vielen Wörtern zu ersetzen.


Die fragwürdige Argumentation der UEFA

Das ganze Bild der Fußball-Europameisterschaft kann sich der Zuschauer nur machen, wenn er nicht nur Bilder vom Geschehen auf dem Rasen, sondern auch im Stadion geliefert bekommt. Die Argumentation der UEFA die bisherige Zensurpraxis weiter zu behalten, ist absurd. Nach eigener Darstellung fürchtet die selbstgefällige Organisation einen Nachahmungseffekt. Mit diesem Argument dürfte keine einzige TV-Nachrichtsendungen Bilder von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei zeigen. Denn damit würde sich in der UEFA-Logik nur Nachahmungstäter provozieren.

ARD und ZDF haben allerdings einen Joker gegen die UEFA. Sie könnten die Zensur durch den Einsatz von eigenen Kameras umgehen. Die Sender dürfen auch – entgegen landläufiger Auffassung – das Live-Signal der UEFA unterbrechen. Das bestätigte mir die ARD.

Das Problem: die Anstalten verfügten bislang nicht über genügend Live-Kameras, wie ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz eingestehen musste. Bei Spielen ohne deutsche Beteiligung seien die eigenen Kameraleute im Stadion nicht im Live-Einsatz, sondern für Interviews und Berichte nach dem Spiel aktiv. Das soll sich nun ändern. ARD-Koordinator Jörg Schönenborn versprach am Montag, mit eigenen Kamerateams auch Prügeleien im Stadion dokumentieren zu wollen. Die UEFA erlaubt ihren TV-Geldgebern bis zu zehn eigene Kameras ins Stadion zu entsenden.

Die nächste Nagelprobe kommt bereits am Donnerstagabend. Dann tritt Deutschland gegen Polen an. Nach der Gewalt auch deutscher Fans sind hoffentlich nicht nur die französischen Sicherheitsbehörden optimal vorbereitet, sondern auch das ZDF, das die Partie überträgt. Denn der Gebührenzahler will sich das ganze Bild im Stadion machen. Auch wenn es gewalttätig, verstörend oder beschämend für den europäischen Fußball sein sollte.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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