Der Medien-Kommissar: Ein Medienkontrolleur steht unter Beobachtung

Der Medien-Kommissar: Ein Medienkontrolleur steht unter Beobachtung

, aktualisiert 27. Juni 2016, 17:35 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Quelle:Handelsblatt Online

RTL-Lobbyist und Privatsenderverbands-Chef Tobias Schmid wechselt an die Spitze der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen. Ist er promovierte Jurist der richtige Kandidat für diesen Posten?

Der Wechsel des RTL-Medienpolitikers Tobias Schmid an die Spitze der Landesanstalt für Medien (LfM) in Nordrhein-Westfalen ist für manche eine Provokation. Bislang gab es eine Art chinesische Mauer zwischen den Kontrolleuren und den Kontrollierten. Mit dem Wechsel des Bereichsleiters Medienpolitik der Sendergruppe RTL ist dies passé. Die Organisation Lobbycontrol hat die Wahl kritisiert. Bei den Grünen in Berlin war die Rede, dass mit dieser Personalentscheidung „der Bock zum Gärtner“ gemacht werde.

Tatsächlich ist der promovierte Jurist eine der unermüdlichsten und besten Lobbyisten des privaten Rundfunks. Das ist auch einer der Gründe dafür, weshalb er nebenberuflich auch noch Vorstandsvorsitzender des einflussreichen Privatsenderverbands VPRT in Berlin ist.

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Schmid hatte sich aber nicht um die Aufgabe im Düsseldorfer Medienhafen gerissen. Vielmehr sprach die Findungskommission unter Werner Schwaderlapp, der mal ZDF-Intendant werden wollte, den rhetorisch gewandten Medienpolitiker aus Köln an. Mit Erfolg: Schmids Auftritt und seine Präsentation bei der LfM funktionierten bestens. Der Manager erhielt 33 der 38 Stimmen. Er wird Anfang kommenden Jahres 2016 den langjährigen LfM-Direktor Jürgen Brautmeier ablösen.

Bücher, TV, Streaming? Diese Medien finden die Deutschen unverzichtbar

  • Ein Leben ohne...

    Nur wenige Erwachsene in Deutschland können sich ein Leben ohne Bücher oder Fernsehen vorstellen. Das ergab eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur aus dem Januar 2016. Andere Unterhaltungsmedien hielten die Befragten dagegen eher für entbehrlich.

  • Bücher

    Nur eine Minderheit von 13 Prozent der Befragten findet gedruckte Bücher verzichtbar. Elektronische Bücher (zum Beispiel Kindle oder Tolino) halten 41 Prozent für verzichtbar.

  • Klassisches Fernsehen

    14 Prozent der Befragten können sich ein Leben ohne das klassische Fernsehen vorstellen.

  • CDs

    Schon wesentlich mehr können sich vorstellen, auf Musik-CDs zu verzichten: Rund ein Fünftel (21 Prozent) der Befragten fand CDs verzichtbar. Hörbücher auf physischen Tonträgern wie CDs spielen für 46 Prozent keine allzu wichtige Rolle.

  • Kino

    Ein Leben ohne Kinobesuche ist für 23 Prozent vorstellbar.

  • DVDs

    Auf Spielfilme oder Serien von DVD würden 24 Prozent der Befragten verzichten.

  • Streaming

    Weniger wichtig finden die Erwachsene laut der YouGov-Umfrage Online-Videotheken. 38 Prozent könnten ohne das Streaming von Serien und Filmen (etwa via Netflix, Amazon, Maxdome, Watchever) leben, 40 Prozent ohne Musik-Streaming (zum Beispiel via Spotify oder Apple).

  • Unterscheidung nach Altersgruppen

    Eindeutig ist die Tendenz, wenn man nach den Altersgruppen schaut: So finden bei den 18- bis 24-Jährigen immerhin 21 Prozent das Fernsehen verzichtbar, bei den Menschen über 55 sind es dagegen nur 10 Prozent.

    Film-Streaming finden dagegen die Leute ab 55 kaum relevant: 50 Prozent können darauf verzichten, wie sie angaben. Bei den Jüngeren (zwischen 18 und 24 Jahren) sind es dagegen nur 27 Prozent, die es missen könnten. In der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre sind es sogar nur 24 Prozent

Eine leichte Aufgabe wird der Chefposten für den bisherigen Vertrauten von RTL-CEO Anke Schäferkordt nicht. „Tobias Schmid weiß, dass er unter Beobachtung stehen wird“, sagt mir ein RTL-Kollege, der den ehrgeizigen Juristen seit vielen Jahren kennt. „Er wird gegen die Kritik ankämpfen müssen, dass er ein Lobbyist ist“, bestätigt auch ein Medienwächter, der Schmid wohl gesonnen ist.

Der Betroffene selbst reagiert bereits auf die medienpolitischen Bedenken. „Bei Themen der RTL-Mediengruppe werde ich mich in der Übergangszeit vertreten lassen“, sagte mir Schmid. „Meinen VPRT-Vorsitz werde ich bei der nächsten Mitgliederversammlung im September niederlegen.“ Er war seit 2012 Vorstandschef des VPRT.

Schmid sieht in dem Wechsel an die Spitze der größten deutschen Medienaufsicht kein Problem. „Als ich vor Jahren bei der britischen Medienbehörde Offcom war, hat mich die dortige Sachkenntnis und der Respekt beeindruckt. Sie kommt auch daher, dass Verantwortliche zwischen Sender und Senderkontrolle wechseln“, sagte er. Wegbegleiter trauen dem Medienjuristen zu, schnell an seiner neuen Aufgabe zu wachsen. „Er besitzt preußische Qualitäten und wird seinen neuen Dienstherrn loyal dienen“, prognostiziert ein früherer RTL-Manager.

In Düsseldorf hat man sich ohnehin nicht gerade leicht getan, einen Nachfolger für den obersten Medienwächter zu finden. Die Bewerberlage sei nicht besonders gewesen, berichten Beteiligte. Mit der Wahl Schmids hoffen viele auf eine Modernisierung der in die Jahre gekommenen Medienkontrolle. „Er ist ein Experte, der er in die Zukunft weist“, sagt ein Insider, der mit Schmid lange gearbeitet hat. Der RTL-Medienpolitiker kennt zudem alle Windungen des Privatsendergeschäfts aus der Praxis. Sein Netzwerk in der Branche ist eng geknüpft.


„Inhaltlich sind es spannende Zeiten für die Medienbranche“

Schmid wird voraussichtlich Anfang 2016 das Amt im Düsseldorfer Medienhafen übernehmen. Dort dirigiert er dann eine Behörde mit 70 Mitarbeitern, die er zukunftstauglich machen muss. Schmid kann dabei auf die Unterstützung der rot-grünen Landesregierung setzen. Der parteilose RTL-Lobbyist ist ein Duzfreund des Medienstaatssekretärs Marc Jan Eumann.

Die wichtigsten Anbieter im Online-Fernsehen

  • Netflix

    Unternehmen: Netflix

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 95,88–107,88

    Stärke: Viele exklusive Filme und Serien, bewährte Technik, starke Kooperationspartner

    Schwäche: Wenig aktuelle Filme, anfangs relativ kleines Angebot

    Wichtigste Serien: House Of Cards, Orange Is The New Black, Hemlock Grove

    Quelle: Unternehmen

  • Entertain

    Unternehmen: Deutsche Telekom

    Streamingkosten (in € pro Jahr): ab 359,40*

    Stärke: Auch über Satellit nutzbar, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Nur im Paket mit Telefon und Internet, lange Vertragsbindung

    Wichtigste Serien: Sherlock, The Mentalist, How I Met Your Mother

    * inklusive Telefon und Internet-Anschluss

  • Amazon Prime Video

    Unternehmen: Amazon
    Streamingkosten: Neben einer Jahresgebühr von 49 Euro ist Amazon Prime Video auch im monatlich kündbaren Abo für 7,99 Euro verfügbar
    Stärke: Exklusive Filme und Serien, Gratislieferung von Amazon-Bestellungen, auf mobilen Endgeräten ohne Online-Verbindung nutzbar
    Schwäche: Nicht alle Titel lassen sich für die Offline-Wiedergabe speichern, nicht alle Filme und Serien im Sortiment
    Wichtigste Serien: The Man in the High Castle, Mozart in the Jungle, Transparent, Mr. Robot, Fear the Walking Dead, Lucifer, Preacher, The Night Manager

  • iTunes

    Unternehmen: Apple

    Streamingkosten (in € pro Jahr): Bezahlung pro Download

    Stärke: Sehr breites Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kauf ab 99 Cent

    Schwäche: Nur Kauf und Miete

    Wichtigste Serien: True Detective, Sleepy Hollow, The Strain, Downton Abbey

  • Maxdome

    Unternehmen: ProSieben-Sat.1

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 95,88

    Stärke: Großes Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kaufvideos, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Aktuelle Filme und Serien nur Zuzahlung

    Wichtigste Serien: Under The Dome, Hannibal, Sons Of Anarchy, Bitten, Hawaii Five-O

  • Sky Snap

    Unternehmen: Sky

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 47,88

    Stärke: Niedriger Preis; auch Originalfassungen, gegen Aufpreis teilweise ohne Internet-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles

    Wichtigste Serien: Game Of Thrones, Alcatraz, Die Sopranos, The Walking Dead

  • Whatchever

    Unternehmen: Vivendi

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 107,88

    Stärke: Teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles

    Wichtigste Serien: Mad Men, The Wire, Lilyhammer, The Mentalist, Torchwood

  • YouTube

    Unternehmen: Google

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 0

    Stärke: Gratis, fast unendliches Angebot

    Schwäche: Wenig aktuelle und hochwertige Filme

    Wichtigste Serien: Tatort, Schimanski, Kanäle von Komödianten wie Y-Titti, LeFloid

Aus dem Kreis der Medienaufseher anderer Bundesländer kamen bislang überwiegend positive Reaktionen, sagt ein Insider. Ihm wird zugetraut, die vorhandenen Bedenken zu zerstreuen. „Schmid kann sehr wohl zwischen seiner bisherigen und der neuen Aufgabe unterscheiden“, ist sich ein RTL-Kollege in Köln sicher. Schon bei dem Privatsender hatte Schmid, der mit einer Juristin verheiratet ist, mit Loyalität und Disziplin überzeugt.

Auf die Medienaufsicht kommen unterdessen gewaltige Aufgaben zu. Schmid will Medienentwicklungen früher erkennen und dann die entsprechenden Reformen einleiten. Der Schutz der Menschenwürde, der Jugend, der Verbraucher sind angesichts der Medienkonvergenz eine gewaltige Aufgabe. „Inhaltlich sind es spannende Zeiten für die Medienbranche, da Fernsehen und Internet immer mehr zusammenwachsen. Die Regulierung der Konvergenz ist eine für alle Bürger wichtige Aufgabe für die Medienaufsicht“, sagt Schmid und meint es sehr ernst damit.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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