Der Medien-Kommissar: Gefährliche Medienmacht

Der Medien-Kommissar: Gefährliche Medienmacht

, aktualisiert 24. Oktober 2016, 19:25 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Die Übernahme von Time Warner durch den Telekomriesen AT&T wird der Vielfalt im größten Medienmarkt der Welt schaden. Die Wettbewerbshüter müssen die Mega-Fusion verhindern. Schon einmal haben sie gegen AT&T entschieden.

Donald Trump hat richtig reagiert. Als erster prominenter Politiker lehnte der Präsidentschaftskandidat der Republikaner die Übernahme des Medienkonzerns Time Warner (Warner Bros., CNN, HBO) durch den Telekomriesen AT&T ab. Der Unternehmer kündigt im Falle eines Wahlsieges bereits an, die Übernahme wieder zu Fall zu bringen. Selbst seine von der Wall Street geförderte Herausforderin Hillary Clinton befürwortet eine genaue Überprüfung.

Die Nachteile des Deals, wie ihn die Medienbranche seit dem Platzen der Dotcom-Krise nicht mehr gesehen hat, liegen für jedermann auf der Hand. Die Konzentration der Medienangebote und damit weniger Wettbewerb führt zwangsläufig zu weniger Qualität, weniger Vielfalt und höheren Preisen. Denn schließlich muss der gewaltige Deal auch finanziert werden. Das Zauberwort lautet in solchen Fällen immer „Synergien“. Doch zwischen einen Telekomriesen und einen Medienkonzern lassen sich nur schwerlich Einsparungen im zweistelligen Milliardenbereich durch eine intensivere Zusammenarbeit erzielen.

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In den Warner-Bros.-Studios in Burbank oder in der Nachrichtenzentrale von CNN in Atlanta kann die Arbeit nicht unbedingt billiger erledigt werden, nur weil die Leitungen AT&T gehören. Also muss den Kunden mit neuen und womöglich teuren Fernseh- und Filmangeboten das Geld aus der Tasche gelockt werden. In Power-Point-Präsentationen sieht das stets einfach aus. Doch in der Praxis? Es handelt sich um eine riskante Wette, dass dem Geschäft mit audiovisuellen Inhalten die Zukunft gehört. Doch bei der Mega-Fusion stoßen zwei Welten aufeinander. Telekommunikation und Medien sind wie Bier und Wein. Beides Alkohol, doch in der Herstellung, im Vertrieb und Konsum grundverschieden.

Für die Übernahme von Time Warner legt AT&T mit der Übernahme der Schulden knapp 109 Milliarden Dollar auf den Tisch. Der Plan des Telekomriesen klingt einfach. Er will mit Inhalten seine Netze aufrüsten und so neue Umsätze generieren, um gegen die ungeliebte Konkurrenz von Netflix oder Amazon bestehen zu können. Noch vor ein paar Jahren lautete die Zukunftsstrategie ganz anders: Nämlich im Stammgeschäft wachsen. Deshalb wollte AT&T vergeblich die Telekom-Tochter T-Mobile in den USA übernehmen.

Den Telekomkonzernen schwant schon seit längerem, dass ihre große Zeit als wichtigster Teil einer kommunikativen Infrastruktur abläuft. Längst verdient nicht mehr derjenige, der die Autobahn baut, sondern der die Fahrzeuge herstellt. Im Kommunikationsgeschäft ist das durchaus ähnlich. Deshalb ist der amerikanische Kabelmilliardär John Malone auch an Sendern wie Discovery, Eurosport oder QVC beteiligt. Deshalb hat der Kabelriese Comcast das Hollywood-Studio NBC Universal übernommen und der Konkurrent Verizon schon AOL gekauft sowie Yahoo ins Visier genommen. Und AT&T? Der Telekomriese hatte bereits vor zwei Jahren das Satellitenfernsehen DirecTV für 50 Milliarden Dollar erworben.


Veto der Wettbewerbshüter droht

Um die für eine lebendige Demokratie vielfältige Meinungs- und Medienvielfalt zu erhalten, braucht es allerdings keinen Wahlsieg von Donald Trump in den USA. Es genügen Kartellwächter, die den Kampf für einen vielfältigen und fairen Medienmarkt sehr ernst nehmen. Denn das Geschäftsmodell der überteuerten Fusion kann nur gelingen, wenn AT&T in seinen Netzen die eigenen Medienangebote massiv verkauft und indirekt Inhaltekonkurrenten benachteiligt. Doch dann könnte es gefährlich werden.

Noch jubelt die Wallstreet. Denn die Banker können sich bei diesem Deal auf gigantische Honorare und Boni freuen. Schließlich finanzieren JP Morgan sowie Bank of America die Übernahme mit einem Kredit von zusammen rund 40 Milliarden Dollar. Sollten allerdings die Wettbewerbshüter das Geschäft genau unter die Lupe nehmen und am Ende mit hundert oder mehr Auflagen oder gar einem Veto drohen, könnte sich der Mega-Deal zu einer nicht nur für die betroffenen Unternehmen, sondern auch für die Banken gefährlichen Luftnummer werden.

In der Jubellaune wird allzu schnell vergessen, dass Amerikas Wettbewerbshüter schon einmal AT&T einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Der älteste Telekomkonzern der Vereinigten Staaten wurde vor über drei Dekaden zerschlagen. Dadurch wurde die Grundlage für einen vielfältigen Telekomsektor mit einer ganzen Reihe von Marktteilnehmern geschaffen – zur Freude der Verbraucher und der Firmen. Ein Lehrstück für die Befürworter des freien, aber fairen Marktes.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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