Der Medien-Kommissar: Grammy, Geld, Glamour

Der Medien-Kommissar: Grammy, Geld, Glamour

, aktualisiert 13. Februar 2017, 11:19 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Boom der Streamingdienste beschert Musikkonzernen und Künstlern wachsende Einnahmen. Mit dem „Musik-Oscar“ in Los Angeles feiert sich die Branche selbst. Denn sie meistert die digitale Disruption überraschend gut.

Die Sensation ist für Philipp Ginthör bei der Grammy-Verleihung in Los Angeles ausgeblieben. Der CEO von Sony Music für Deutschland, Österreich und der Schweiz warf sich für die Oscars der Musikbranche in den Smoking, um seinen Künstler Jean-Michel Jarre, den Altmeister der elektronischen Musik, zu feiern. Denn erstmals war deutsche Label mit einem Nominierten in der Kategorie bestes elektronisches Album für den Grammy nominiert. Doch Jarre ging leer aus.

Die Laune bei Sony Music und damit bei Philipp Ginthör war dennoch alles andere als schlecht. Denn die britische Sängerin Adele, die bei Sony Music unter Vertrag steht, gewann im Staples Center fünf der wichtigsten Musikpreise. Der Song „Hello“ der 28-Jährigen wurde mit dem Lied des Jahres ausgezeichnet, „25“ zum besten Album des Jahres gekürt. Sie hatte erst vor einem knappen Jahr einen Plattvertrag in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe bei Sony unterschrieben.

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Die Grammys sind für Adele und Sony bares Geld wert. Er wird ihnen vor allem in den USA, dem größten Musikmarkt der Welt, einen Umsatzschub bescheren. Die Musiktochter des japanischen Elektronik- und Unterhaltungsriesen – mit Künstlern von Depeche Mode, Robbie Williams, Alicia Keys, Andrea Berg über Peter Maffay und Lang Lang bis zu Jonas Kaufmann – erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 3,65 Milliarden Dollar.

Überhaupt hat nicht nur Sony Music, sondern die Musikbranche in Los Angeles allen Grund zu feiern. Denn im Gegensatz zu anderen Teilen der Medienbranche meistert sie die digitale Disruption überraschend gut. „Die Musikindustrie ist bereits durch Entwicklungen gegangen, als das Wort Disruption noch unbekannt war“, sagte mir Ginthör kurz vor seinem Abflug nach Los Angeles bei einem Treffen in seiner Heimatstadt Wien.

Damit hat der 41-Jährige durchaus Recht. Als das Herunterladen im Internet das traditionelle Geschäftsmodell mit physischen Tonträgern wie der CD und Vinyl ins Abseits katapultierte, verstand es die Musikbranche überraschend schnell, mit Apple & Co. neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Nachdem sich das Herunterladen von Musik weltweit etabliert hatte, mussten sich die Musiklabels mit den Streamingdiensten abermals neu erfinden. In weniger als zwei Jahrzehnten veränderte die digitale Disruption das Geschäftsmodell grundlegend – und auch das Management. „Der Professionalisierungsgrad in der Musikbranche ist genauso hoch wie in einem Industrieunternehmen in der Transformation mit neuen Geschäftsmodellen“, sagt Ginthör selbstbewusst.


Streaming ist globaler Wachstumstreiber der Musikbranche

Heute ist der Musikmarkt in Deutschland konsolidiert. Die drei Branchenriesen Universal, Sony und Warner teilen sich laut GfK rund 67 Prozent des Marktes. Die restlichen Marktanteile entfallen auf andere und unabhängige Musikfirmen.

Die digitale Distruption besitzt unterdessen große Vorteile für Künstler und Labels. Heutzutage ist es über die Streamingdienste von Spotify, Apple oder Amazon erheblich leichter und preiswerter, beispielsweise auch deutsche Künstler international bekannt zu machen. Streaming ist längst zum globalen Wachstumstreiber der Musikbranche aufgestiegen. Die 14 wichtigsten Märkte der Welt sind im vergangenen Jahr laut Sony gewachsen. In den USA ist längst Streaming zum Hauptumsatzträger avanciert.

Doch die digitale Disruption verläuft nicht übergleich gleich und vor allem keineswegs gleich schnell. So ist in Deutschland die CD nicht totzukriegen. Das haptische Vergnügen, einen Silberling in den Händen zu halten, verbunden mit dem Gedanken der Autarkie, sorgt dafür, dass die Musik-Labels immer noch über die Hälfte ihrer Einnahmen mit physischen Tonträgern machen. Es ist nicht nur die CD, sondern auch die Schallplatte. Vinyl – wie sie heute modisch genannt wird – erreicht vor allem ein junges Publikum.

Bereits 1913 hatte Wolfgang Riepl in seiner Erlanger Dissertation das „Riepl‘sche Gesetz“ formuliert, nach dem kein neues Medium ein altes ersetzt. Riepl sollte bis heute Recht behalten. Streamingdienste ersetzen nicht komplett die CD, nicht einmal die CD komplett Vinyl. Es gibt ein komplementäres Nebeneinander, doch kein totales Verschwinden. Davon ist auch Sony-Manager Ginthör überzeugt. Als ich ihn nach seiner Marktprognose frage, antwortet er nach anfänglichem Zögern, in einem Jahrzehnt in Deutschland würden zehn Prozent der Erlöse mit der CD und weitere fünf Prozent mit Vinyl gemacht. Der Rest sei Streaming.

Das sind gute Aussichten für Künstler und Labels im deutschen Markt, dem drittgrößten der Welt – wenn nicht die Piraterie wäre. Denn eine wachsende Zahl von CDs und Vinyl werden heute über illegal im Internet über große Online-Händler wie Amazon verkauft. Ein Problem, das vermutlich nie komplett in den Griff zu kriegen ist.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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