Der Medien-Kommissar: Gütersloh statt Luxemburg

Der Medien-Kommissar: Gütersloh statt Luxemburg

, aktualisiert 13. März 2017, 13:39 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Mit ihrem Verzicht auf den Vorstandsvorsitz bei der RTL Group beweist Anke Schäferkordt strategische Weitsicht. Bisweilen ist weniger mehr, wenn es um die Zukunft von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann geht.

Die kurvenreiche Fahrt von Köln nach Luxemburg ist mühselig und langwierig. Bis heute verbindet die beiden Städte keine direkte Autobahn. Anke Schäferkordt, Deutschlandchefin der RTL Mediengruppe in Köln, kann von der beschwerlichen Reise in der Firmenlimousine mit Staus und Funklöchern ein Lied singen. In den vergangenen fünf Jahren ertrug sie das Pendeln in das Großherzogtum nur schwer. Nun ist damit endlich Schluss.

Freiwillig verzichtet die 54-jährige Diplom-Kauffrau auf den Chefsessel von Europas größtem Fernsehkonzern RTL Group, der im Luxemburger Europa-Viertel Kirchberg residiert. Damit schafft sich die Gastronomen-Tochter aus dem Weserbergland Zeit, Antworten auf den Umbruch in der Fernsehbranche zu finden.

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In Zukunft will sich Schäferkordt zum einen ganz auf ihre Arbeit in Deutschland mit der RTL-Senderfamilie – über Vox, Super RTL, RTL Nitro bis hin zu N-TV - konzentrieren. Zum anderen will sie auch weiterhin fleißig nach Gütersloh, dem Sitz des Mutterkonzerns Bertelsmann, pendeln. Beim ostfälischen Familienunternehmen sitzt sie als einzige Frau im Vorstand und spielt aufgrund der Größe ihres Geschäfts eine Schlüsselrolle.

Die außergewöhnliche Entscheidung, den CEO-Posten abzugeben, zeugt von Weitsicht. Denn dem Fernsehen steht eine Disruption bevor, die andere Medienbranchen wie beispielsweise die Musikindustrie, Zeitungen und Zeitschriften bereits längst erfasst hat. Noch verstellen die exzellenten Zahlen der TV-Konzerne die klare Sicht auf die strategischen Herausforderungen der Zukunft.

Zum Abschied aus Luxemburg legte Schäferkordt mit ihren Co-CEO Guillaume de Posch nochmals eine schöne Bilanz vor. Der Umsatz stieg um über drei Prozent auf stolze 6,2 Milliarden Euro und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) kletterte in ähnlicher Größe auf 1,2 Milliarden Euro.

Die Resultate des vergangenen Jahres können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der größte Gewinnbringer im Bertelsmann-Reich vor gewaltigen Herausforderungen steht. Denn von den gesamten Erlösen stammen nur 670 Millionen Euro aus dem noch immer überschaubaren Digitalgeschäft – trotz kräftiger Steigerung.

Das lineare Privatfernsehen, das in Deutschland in den 1980er-Jahren seinen Anfang nahm, überschreitet gerade seinen Höhepunkt. Nicht nur die Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ARD, ZDF und den dritten Programmen werden älter, sondern auch im Privatfernsehen. Jüngere Zielgruppe wollen überall und jederzeit ihre Lieblingssendungen sehen und nicht erst warten, bis sie ein Programmdirektor ins Abendprogramm hievt.


Amazon und Netflix drohen den Markt aus den Angeln zu heben

Noch spielen die Videodienste von Netflix und Amazon hierzulande eine überschaubare Rolle. Doch das könnte sich leicht ändern, wie etwa der Markt in den Niederlanden bereits zeigt. Die beiden US-Konzerne bauen systematisch ihre Eigenproduktionen aus. Mit exklusiven Content schaffen sie sich eine Fangemeinde.

Längst wird auch lokaler Inhalt mit einheimischen Stars produziert. Ein Beispiel ist der Schauspieler Matthias Schweighöfer. Der 35-Jährige produziert für Amazon Prime seine Serie „You are wanted“, die ab 17. März dort zu sehen sein wird. Auch der Publikumsliebling Bastian Pastewka ist beim Konzern von Jeff Bezos jetzt unter Vertrag. Der 44-jährige Komiker produziert für Amazon die achte Staffel der Comedy-Serie „Pastewka“.

Angesichts dieser Entwicklung schrillen bei RTL die Alarmglocken. Anke Schäferkordt beobachtet mit Argusaugen, wie die amerikanische Konzerne mächtig in das TV-Geschäft hineindrängen. Über Jahrzehnte spielte sich der Markt zwischen RTL, Pro Sieben Sat 1 und ARD/ZDF ab – ein bis dahin gemütliches Geschäft. Amazon und Netflix drohen den Markt nun aus den Angeln zu heben. Die Amerikaner veröffentlichen zwar keine Zahlen zu ihren Ländermärkten. Doch eines ist allen Beteiligten in den Kommandozentralen des deutschen Fernsehens klar: der Marktanteile der Videodienste der amerikanische Konzerne werden wachsen.

Denn insbesondere der Handelsgigant Amazon betrachtet seinen Videodienst Amazon Prime nicht nur als Profit-Center, sondern auch als Mittel, um seine Kunden noch näher an sich zu binden und alles über ihre Seh- und Konsumgewohnheiten zu erfahren. Der Endkundenkontakt im Fernsehgeschäft macht die amerikanischen Herausforderer so gefährlich.

Schäferkordts Reaktion, verstärkt selbst produzieren zu wollen und nicht mehr so viel Massenware in Hollywood einzukaufen, ist nur ein erster Schritt. Den Fernsehmanagern im Bertelsmann-Vorstand wird künftig mehr einfallen müssen, um der neuen Konkurrenz strategisch die Stirn zu bieten. Denn der Gütersloher Konzern der Familie Mohn steht und fällt mit dem Fernsehgeschäft. Deshalb kann Schäferkordt nicht mehr ihre Zeit mit endlosen Pendelfahrten zwischen Köln und Luxemburg verplempern, sondern muss schleunigst eine unternehmerische Antwort auf Amazon, Netflix und Co. finden.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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