Der Medien-Kommissar: Info-Radio mit Suchtpotenzial

Der Medien-Kommissar: Info-Radio mit Suchtpotenzial

, aktualisiert 23. Mai 2016, 11:04 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Hörfunksender B5 aktuell setzt seit einem Vierteljahrhundert ausschließlich auf Nachrichten. Die Tochter des Bayerischen Rundfunks liefert den Beweis: Qualität im Journalismus zahlt sich beim Publikum aus.

Vor 25 Jahren ging der Bayerische Rundfunk innovative Wege. Im Mai 1991 startete die stets eigenwillige ARD-Tochter unter dem Namen B5 aktuell das erste reine Informationsradio in Deutschland. Ein Novum, das schnell Nachahmer fand. Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ probierte es mit einem Nachrichtenradio und scheiterte im Jahr 2002. Die Erkenntnis: Der große redaktionelle Aufwand für einen derartigen Hörfunkkanal lässt sich eben für einen Zeitungsverlag nicht allein mit Werbung finanzieren.

Beim Bayerischen Rundfunk als Teil des öffentlich-rechtlichen Systems sieht das natürlich anders aus. Das Programm ist fast ausschließlich mit Gebühren finanziert. Werbung spielt nur eine Nebenrolle.
Mit B5 aktuell gelang der weiß-blauen ARD-Tochter eine wirkliche Neuerung im deutschen Hörfunk: Nichts als Nachrichten, Hintergründe und Analysen an 365 Tagen im Jahr und 18 Stunden täglich. Längst haben andere ARD-Sender wie der MDR, HR, SWR, RBB und NDR nachgezogen, ohne jemals das Original aus Bayern erreicht zu haben.

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Von Anfang an hatte der Münchner Radiokanal eine treue Hörergemeinde. Waren es in den Anfangsjahren noch 300.000 Hörer sind es mittlerweile nach der jüngsten Mediananalyse 2016 Radio I stolze 710.000 Nutzer. Damit ist B5 aktuell der Branchenprimus in Deutschland. Kein anderes Informations- und Kulturradio erreicht ein größeres Publikum.

Doch die eigentlich noch wichtigere Tatsache: der Bayerische Rundfunk erreicht mit seinem Info-Sender ein für ARD-Verhältnisse junges Publikum. Nach Angaben der B5 aktuell-Chefredakteurin Mercedes Riederer liegt das Durchschnittsalter bei rund 50 Jahren. Qualität im Journalismus zahlt sich eben beim Publikum aus. Im Fernsehprogramm dagegen beträgt der Altersschnitt beim Ersten und den Dritten Programmen bei 60 Jahre und mehr.

Der Erfolg des Info-Radios hat eine ganze Reihe von Gründen. B5 aktuell verzichtet seit jeher auf nervige „Elevator Music“. Keine akustische Umweltverschmutzung überbrückt also die Zeit zwischen zwei Wortbeiträgen wie bei anderen Informations- oder Kulturkanälen. Es gibt auch keine Kommentare. Und mit einem klaren Programmschema – nämlich alle Viertelstunde Nachrichten – findet sich der Hörer blitzschnell zurecht. B5 aktuell besitzt damit ein hohes Suchtpotenzial für Informationshungrige.


Noch besteht die regionale Schieflage

Zum Geburtstag hat sich der Sender einen kleinen Relaunch gegönnt. Die nervigen Jingles für die jeweiligen Ressorts wurden ausrangiert, dafür werden nun sehr viel unaufgeregtere Töne gesendet. Zum anderen gibt es endlich auch Wirtschaftsnachrichten am Abend. Das interessiert vor allem die Zielgruppe, nämlich überwiegend Männer mitten im Berufsleben.

Das Informationsradio aus Bayern, das überall per App auf dem Smartphone und Tablet zum empfangen ist, stellt einen Glücksfall für den Gebührenzahler dar. Denn es schließt eine mediale Lücke, die Privatradios aufgrund der Marktgegebenheiten gar nicht erfüllen können. Mit seinem großen Korrespondentennetz im In- und Ausland und der durch die Digitalisierung höheren Schlagzahl von Meldungen kann der Sender die Vorteile des Mediums Hörfunk voll ausspielen.

Freilich klebt die politische Berichterstattung zu sehr an der seit über einem halben Jahrhundert regierenden CSU. Die ohnehin in Bayern kaum existierende Opposition – zudem noch die außerparlamentarische wie beispielsweise die FDP – spielt hingegen nur eine geringe Rolle in der Berichterstattung. Hinzu kommt das konservative Verständnis bei den Ressorts. Im Nachbarland Österreich beispielsweise gehört die Kulinarik längst zur Kultur im eigentlichen Sinne des Wortes. Obwohl gerade Bayern auf eine vielfältige Ess- und Trinkkultur – abseits von Weißwurst und Konzernbieren – blicken kann, erfährt der Leser über das kulinarische Erbe zwischen Main und Donau fast nichts.

Leider merkt man B5 aktuell auch nach 25 Jahren an, dass der Sender in München gemacht wird. Statt mehr aus den Regionen, allen voran aus dem benachteiligten Franken und den Rändern des Freistaates zu berichten, dominiert noch immer die selbstverliebte Landeshauptstadt und ihre Region Oberbayern. Doch den Machern in der bayerischen Landeshauptstadt ist regionale Schieflage durchaus bewusst. Die Wende zum Besseren ist daher nur noch eine Frage der Zeit.

Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag!

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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