Der Medien-Kommissar: Journalisten statt Algorithmen

Der Medien-Kommissar: Journalisten statt Algorithmen

, aktualisiert 24. April 2017, 12:41 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Siegeszug von Fake-News ist ohne Suchmaschinen und Algorithmen nicht vorstellbar. Gegen die krude Welt der alternativen Fakten helfen nur professionelle Navigatoren – mit Sachkompetenz, Mut und Zeit.

Die Generalversammlung der börsennotierten „Neuen Zürcher Zeitung“-Gruppe ist eine steife Veranstaltung. Die rund 600 Aktionäre im Kongresshaus in der Schweizer Finanzmetropole stimmten ohne Diskussionen oder gar Streitereien den einzelnen Tagesordnungspunkten zu. Schließlich können sich die ordentlichen Ergebnisse der NZZ-Gruppe in einer ausgesprochenen schwierigen Medienzeit mit einer Ebit-Marge von über sechs Prozent durchaus sehen lassen. Bei der Freude über die unveränderte Dividende von 200 Franken für die Aktionäre der Mediengruppe ging die Rede des „Chefredaktors“ Eric Gujer in der öffentlichen Wahrnehmung beinahe unter.

Der konservative Chefredakteur, früher Korrespondent in Berlin, definierte zehn Grundsätze für exzellenten Qualitätsjournalismus im digitalen Medienzeitalter. Dazu gehört Nachrichten nicht von Algorithmen, sondern von Menschen beurteilen zu lassen. Die Erkenntnis mag auf dem ersten Blick wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Doch längst funktionieren viele Informationen und die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem nach dem Google- und Facebook-Prinzip.

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In einer globalisierten Informationswelt können sich unrichtige Informationen über Suchmaschinen wie Google und soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter so rasant schnell verbreiten wie nie zuvor in der Mediengeschichte. Schon die Schlammschlacht bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen hat eindrucksvoll demonstriert, welchen Einfluss Falschmeldungen und deren Reaktionen durch „Bots“ – also automatisierte Computerprogramme – in den sozialen Netzwerken haben können. Das ist Ergebnis ist schließlich Donald Trump, der Meister im Umgang und Verbreiten eigener Wahrheiten.

In der neuen Welt der „alternativen Fakten“ mit ihren fingierten oder verzerrten Informationen kommen nur diejenigen zurecht, die sich auf autarke und erfahrene Navigatoren verlassen können. Die Entlarvung von Fake-News können keine so noch so raffinierten Softwareprogramme leisten, sondern Journalisten und Analysten mit Sachkompetenz, Mut und Zeit. Kompetente Redaktionen sind die Grundvoraussetzung dafür, dass Fake-News, egal ob sie aus dem Weißen Haus oder aus dem Kreml kommen, als Falschmeldung, Lüge und Intrige entlarvt werden können.

Hinzu kommt noch der kostbare Faktor Zeit, um zu evaluieren, zu überprüfen und einzuordnen. Die digitale Hetze mancher Online-Plattformen führt gerade bei wichtigen Ereignissen nur zu einem Schein-Informationen-Bubble, der so schnell wie eine Seifenblase platzen kann. Der angebliche Terror-Angriff auf den BVB-Bus in Dortmund hat dies mustergültig vorgeführt. Angesichts der von Facebook & Co. geschaffenen Gefallsucht ist zudem die Courage von Journalisten für eine Position abseits des populären Mainstreams eine wichtige Voraussetzung für eine demokratische Öffentlichkeit. Schließlich geben den informativen Informationsbrei viel zu häufig Algorithmen vor.


Das Internet als digitaler Scheiterhaufen

Veit Dengler, Chef der NZZ-Gruppe, erinnert in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ zu Recht an die „kollektiven Halluzinationen“, die es in der Geschichte rund um falsche Informationen immer wieder gegeben hat. Die grausamen Hexenverfolgungen des 15. und 16. Jahrhunderts aufgrund von Gerüchten und Lügen habe sich bis heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Schon im analogen Zeitalter waren Fake-News in der Lage, eine jahrzehntelange Massenhysterie mit enormen politischen, sozialen und religiösen Folgen zu kreieren. Ist heute das Internet der digitale Scheiterhaufen, auf denen die neuen „Hexen“ verbrannt werden sollen?

In Deutschland wird gerne auf die Jurisprudenz im Kampf gegen Unwahrheiten, Lüge und Hass gesetzt. Doch mit neuen und durchaus sinnvollen Gesetzen allein – so richtig sie im Einzelnen beispielsweise im Fall von Facebook auch sein mögen – wird das Problem nicht in den Griff zu kriegen sein. Die effektivste Waffe gegen digitale Desinformation ist und bleibt professioneller Journalismus, der entlarvt, aufklärt und einordnet.

Diesen kann es freilich nicht zum Nulltarif geben. Der enorme Aufwand und der redaktionelle Ehrgeiz hinter den falschen Nachrichten zu kommen, kostet freilich viel Geld. Ein solcher redaktioneller Aufwand kann nicht mehr ausschließlich über Werbeeinnahmen – egal ob online oder im Print – finanziert werden. Deshalb sind Bezahlinhalte nicht nur zur Überlebensfrage für die Medienbranche geworden, die den journalistischen Exzellenzbegriff ernst nimmt, sondern auch für unsere bedrohte Demokratie.

Denn politische, wirtschaftliche und kulturelle Eliten brauchen überprüfbare, valide Informationen, beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven und im richtigen Kontext, mehr denn je. Nur mit korrekten Fakten und kompetenter Analyse kann schließlich auch eine differenzierte Meinungsbildung im Parlament oder im Unternehmen stattfinden. Das mag im Alltag anstrengend sein, doch es stellt noch immer das mediale Fundament für den politischen und ökonomischen Erfolg in Europa dar.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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