Der Medien-Kommissar: Kein Grund zum Jammern für die Buchbranche

Der Medien-Kommissar: Kein Grund zum Jammern für die Buchbranche

, aktualisiert 12. Juni 2017, 13:33 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Die deutsche Buchbranche malt gerne Untergangsszenarien an die Wand. Doch tatsächlich erleben Verlage und Händler eine stabile Wirtschaftssituation wie in keinem anderen Mediensektor. Eine beneidenswerte Situation.

Wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu Vorstellung seiner Bilanz nach Frankfurt einlädt, ist Jammern angesagt. Seit vielen Jahren werden dann vom Branchenverband der Verlage und Buchhändler gerne Weltuntergansszenarien an die Wand gemalt. Früher waren es Apple mit seinem iPhone oder iPad, Google mit seiner digitalen Bibliothek oder der Online-Händler Amazon, die drohten, die tradierte Bücherwelt in Deutschland aus den Angeln zu heben.

Diesmal wurde als Untergangsszenario das geplante Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz der Bundesregierung diagnostiziert. Börsenverein-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis sieht bereits kleinere und mittlere Fachverlage „in ihrer Existenz“ bedroht und warnt gar vor einer Enteignung. Denn die Gesetzvorlage sieht vor, dass künftig Wissenschaftler 15 Prozent (!) eines Werks digital kopieren dürfen und es dafür eine pauschale Vergütung geben soll.

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Noch ist nichts endgültig ausdiskutiert oder gar beschlossen. Hysterie ist daher fehl am Platz. Denn die Vergangenheit lehrt, dass gerade die Bundesregierung – ganz egal welcher politischen Couleur – seit der Erfindung des Internets vor über zwei Jahrzehnten ein gutes Händchen für die Bedürfnisse der Buchbranche hatte. Für die Anliegen der Buchverleger- und –händler gab es in Berlin stets ein offenes Ohr.

Wirtschaftlich gibt es für die Buchbranche keinen Grund zum Jammern. Die Verlage und Buchhändler blicken auf eine beneidenswert stabile ökonomische Situation. Davon können andere Teile der Medienbranche wie beispielsweise die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage nur träumen.

Ein Blick um die Umsatzentwicklung der Buchbranche spricht Bände: In den vergangenen zehn Jahren blieben die Erlöse ausgesprochen stabil. 2006 – noch vor Smartphone und Tablet-PC – lag der Umsatz bei stolzen 9,26 Milliarden Euro. Und im Jahr 2016? Da verzeichneten die Verlage und Buchhändler 9,28 Milliarden Euro. So viel Konstanz und Berechenbarkeit ist schlichtweg ein ökonomischer Traum für andere Branchen.


Vielfalt und Stabilität

Der digitale Wandel mit elektronischen Lesegeräten und Online-Handel haben den sehr lebendigen Buchmarkt in Deutschland nicht aus der Bahn geworfen. Der klassische Buchhandel hat mit verstärktem E-Commerce und einer Marktbereinigung geschafft, sich gut anzupassen. Über zwei Drittel aller Buchläden verkaufen laut Börsenverein ihre Bücher längst auch online.

Auf die Vielfalt und Stabilität können die Händler stolz sein. Noch immer erwirbt fast die Hälfte aller Menschen ihre Lektüre vor Ort in einer Buchhandlung. Der Internetbuchhandel spielt mit einem Markanteil von kaum mehr als fünf Prozent nur eine marginale Rolle – auch nach über zwei Jahrzehnten seit der Erfindung des Internets.

Zudem sind Buchkäufer bereit, im Schnitt mehr Geld auszugeben. Im vergangenen Jahr stieg der Durchschnittspreis um stolze vier Prozent auf 13,09 Euro pro Buch. Und es gibt noch ein gute Nachricht: Die ökonomisch gefährliche Bücherflut nimmt ab. Mit jährlich knapp 73.000 neuen Büchern sind die Erstauflagen auf dem niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt.

Vielleicht schafft es der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bei der Vorstellung der nächsten Bilanz, mehr Zuversicht, Mut und Selbstbewusstsein angesichts der guten Wirtschaftslage zu verbreiten? Denn auch die jüngste Bilanz lehrt: Das Medium Buch hat auch im 21. Jahrhundert nichts an seiner Attraktivität eingebüßt. Wie formulierte Heinrich Heine einst so wegweisend: „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.“

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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