Der Medien-Kommissar: Markt macht Medien frei

Der Medien-Kommissar: Markt macht Medien frei

, aktualisiert 27. März 2017, 19:38 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Quelle:Handelsblatt Online

Je größer die wirtschaftliche Stärke von Fernsehsendern, Radios, Zeitungen und Zeitschriften ist, desto freier ist ihre Berichterstattung. Eine Erkenntnis, die in Zeiten staatlicher Vereinnahmung wichtiger ist denn je.

Medien sind allmächtig. Sie lügen und verzerren. So zumindest die Behauptungen von Populisten quer durch Europa – von rechts bis links. Der Hass, der Fernsehsendern, Radios, Zeitungen und Zeitschriften von Extremisten entgegen gebracht wird, hat einen guten Grund. Neben der Exekutive und Judikative des Staates – Polizei, Ordnungsbehörden und Richter – sind es die Medien, die das Treiben von Populisten beobachten, darüber berichten, analysieren und kommentieren. Doch das ist noch lange keine „vierte Gewalt“, wie sich die oftmals selbstverliebte Branche von noch Mächtigeren gerne nennen lässt. Es ist eine Dienstleistung für den Leser, Zuschauer und Hörer – für die Bürger.

Dieser Bürgerservice ist ungemein wichtig für eine funktionierende Demokratie. Die beiden Wissenschaftler Tim Besley und Robin Burgess von der London School of Economics formulierten vor fünfzehn Jahren eine These, die im Kern besagt: je tiefer und ausführlicher Medien berichten, desto größer ist die Neigung der Politiker, dem Allgemeinwohl und nicht Einzelinteressen zu dienen.

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Genauso gehört die rücksichtlose Unterdrückung der Medien zum Handwerkszeug jedes demokratisch gewählten Autokraten. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan oder sein russischer Amtskollege Wladimir Putin sind dafür warnende Beispiele. Doch auch in vielen osteuropäischen Ländern wie in Ungarn, Polen, Serbien, oder Montenegro funktioniert das politische Geschäft längst nach ähnlichem Muster mit Folgen für die Demokratie.

Der Schweizer Medienökonom Matthias Benz hat in Wien vor kurzem eine beachtenswerte Antrittslesung unter dem Titel „Wie einflussreich sind die Medien?“ gehalten. Der Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ war von der Universität Wien zum Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre berufen worden. Benz erklärt, wie diese informatorische Dienstleistung überhaupt erbracht werden kann. Seine These: nur mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit. „Medien können umso unabhängiger agieren, je größer und breiter gestreut ihre Einnahmen aus kommerziellen Quellen sind“, lautet die Erkenntnis des frisch gebackenen Honorarprofessors.


Österreich subventioniert seine Zeitungslandschaft

Das mag auf den ersten Blick banal klingen. Doch diese Erkenntnis ist heute wichtiger denn je. Beispielsweise gibt es in Deutschland nicht nur eine Reihe von Medienwissenschaftlern, sondern auch Politiker, die beispielsweise die der von den tektonischen Verschiebungen in der Kommunikationsbranche betroffenen Printbranche mit Subventionen oder gar im Extremfall mit einem Teil aus der umstrittenen Rundfunkgebühr helfen möchten.

Zu welcher Abhängigkeit eine direkte oder indirekte staatliche Förderung führen kann, zeigt Österreich. Dort alimentiert die Alpenrepublik mit Steuermitteln großzügig die Zeitungsverlage. Nach dem Gießkannenprinzip erhielten dort die Blätter über die sogenannte Presseförderung zuletzt jährlich über acht Millionen Euro aus dem Staatssäckel. Hinzu kommt die Domestizierung durch staatliche Anzeigen. Beispielsweise überwies das Bundesland Wien zuletzt jährlich mehr als zehn Millionen Euro an das Boulevardblatt „Krone“ und die Gratiszeitungen „Heute“ und „Österreich“.

„Staatsgelder sind keine Alternative, da sie in Abhängigkeiten führen“, stellt der Medienökonom Benz zu Recht fest. Nur der Markt schafft schließlich die notwendige Unabhängigkeit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, gegen den Mainstream zu kommentieren und Fehlentwicklungen knallhart zu analysieren. Ausschließlich wirtschaftlich starke Medienunternehmen können alle zehn Finger in die Wunden der politischen Elite legen ohne falsche Rücksichten zu nehmen.

Ein positives Beispiel für wirtschaftliche Unabhängigkeit in den Medien ist die börsennotierte „New York Times“. Das Flaggschiff des amerikanischen Journalismus kann es sich wirtschaftlich leisten, selbst den „Fake news“-Produzenten Donald Trump und seiner Entourage die Stirn zu bieten. „Truth. The alternative is a lie“ läuft auf einem haushohen Screen auf rosa Grund auf einen hausgroßen Bildschirm in Manhattan. Genau darum geht es.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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