Der Medien-Kommissar: Mehr Mut zum Alter im Fernsehen

Der Medien-Kommissar: Mehr Mut zum Alter im Fernsehen

, aktualisiert 20. Juni 2016, 18:05 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Das Wiedersehen mit der 73 Jahren alten Dagmar Berghoff in den ARD-„Tagesthemen“ wirft Fragen auf: Warum werden Nachrichtensprecherinnen früher ausrangiert als ihre männlichen Kollegen? Ein Plädoyer für mehr Fairness.

Die ARD hatte sich eine nette Geste zum 40-jährigen Bestehen ihres Nachrichtenflaggschiffes „Tagesthemen“ ausgedacht. Die Redaktion lud die heute 73-jährige Dagmar Berghoff ein, an ihren früheren Hamburger Arbeitsplatz zurückzukehren. Zur Überraschung der verdutzten Zuschauer übergab „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga das Studiomikrofon für einen Beitrag über Innenminister Thomas de Maizière und den Nachrichtenblock an den ehemaligen Nachrichtenstar aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert.

Wie nicht anders zu erwarten, trug Dagmar Berghoff die News des Tages mit ihrer markanten Stimme routiniert vor. 1,3 Millionen schauten zu. Hunderttausende von Zuschauern freuten sich über das Wiedersehen mit der einstigen Nachrichtenikone. Privat wurde die Berghoff mit positiven Emails überhäuft.

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Ihr kurzer Auftritt hatte einen guten Grund. Damals im Alter von 33 Jahren war die gebürtige Berlinerin die erste Frau, die den Deutschen im Zeitalter des Fernsehmonopols von ARD und ZDF die Nachrichtenwelt erklären durfte. Heute kaum vorstellbar, früher war die Präsenz von Frauen im angeblich harten Nachrichtengeschäft keine Selbstverständlichkeit. Der damalige Chefsprecher der „Tagesschau“/“Tagesthemen“, Karl-Heinz Köpcke, wandte sich dagegen. Er meinte, Frauen würden anfangen zu weinen, wenn sie harte Nachrichten vortragen müssten. Der ernstgemeinte Vorschlag klingt heute wie ein schlechter Witz.

Kein Witz, sondern traurige Tatsache ist allerdings, dass Nachrichtensprecherinnen auch heute noch diskriminiert werden. Sie müssen sehr viel früher als ihre männlichen Kollegen ihren Beruf aufgeben. Beispielsweise moderierte Ulrich Wickert die „Tagesthemen“ noch bis zum 64. Lebensjahr. Gerade mit zunehmendem Alter galt der frühere ARD-Korrespondent als Inbegriff der Seriosität, als Ikone des Qualitätsjournalismus'. Seine Kollegin Dagmar Berghoff verschwand hingegen bereits im Alter von 56 Jahren aus der Sendung.

Die Praxis bei ARD und ZDF ist keine Ausnahme. Im Gegenteil. Die Privatsender wie RTL und Sat1 unterliegen noch stärker dem Jugendwahn. Dort verschwinden Frauen sehr viel früher von der Mattscheibe. Die Furcht vor dem Alter ist bei Moderatorinnen seit Jahrzehnten riesengroß, auch wenn keine der Betroffenen darüber in der Öffentlichkeit sprechen möchte. Am Ende helfen aber nicht einmal mehr Schönheitsoperationen über die traurige Praxis der Sender hinweg. Diese Art von Altersdiskriminierung ist eine der letzten Tabus in unserer Medienwelt.

Das Eigenartige: Die Moderatorinnen akzeptieren ihr berufliches Schicksal schweigend und geduldig. In den vergangenen Jahren gab es nur einmal den Versuch das ungeschriebene Gesetz der Sender aufzubrechen. Die damalige medienpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Andrea Verpoorten, griff den WDR scharf wegen des Austauschs dreier Moderatorinnen an. Die Kölnerin warf der größten ARD-Tochter Altersdiskriminierung vor. Damals nahm der WDR Benedicta Junghanns im Alter von 48 Jahren, Claudia Ludwig im Alter von 51 und Angela Maas (frühere Frau von Moderator Frank Plasberg) im Alter von 53 Jahren aus der Moderation. An der damaligen WDR-Chefin Monika Piel perlte die Kritik der früheren Rundfunkrätin hingegen ab.


Fairness und Gleichberechtigung als Selbstverständlichkeit

Es ist längst an der Zeit, die Diskussion um die Diskriminierung von Moderatorinnen erneut zu führen. Denn schließlich sind die Zuschauer von ARD, ZDF und allen Dritten längst im Durchschnitt 60 Jahre und älter. Warum sollen dann deutlich jüngere Nachrichtensprecherinnen von den Intendanten und deren Programmchefs „ausrangiert“ werden?

Gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der von den Bürger und Unternehmen mit jährlich über acht Milliarden Euro allein an Rundfunkgebühren finanziert wird, kommt eine gesellschaftspolitische Vorbildfunktion zu. Eigentlich sollte Fairness und Gleichberechtigung ohnehin zu den praktizierten Selbstverständlichkeiten gehören.

Wenn „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth mit 64 Jahren noch souverän durch die Nachrichtenwelt am späten Abend führen darf, dann wünschen wir uns auch, dass seine heute 47-jährige Kollegin Carin Miosga noch die nächsten 17 Jahre vor den ARD-Kameras steht. Es ist Zeit, die absurde Altersdiskriminierung in den Fernsehnachrichten ad acta zu legen.

Das ist die eigentliche Botschaft des Kurzauftritts von Dagmar Berghoff bei den ARD-„Tagesthemen“.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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