Der Medien-Kommissar: Nicht nur eine Frage des Geldes

Der Medien-Kommissar: Nicht nur eine Frage des Geldes

, aktualisiert 19. September 2016, 16:54 Uhr
Bild vergrößern

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Die neuen EU-Urheberrechtspläne sollen endlich faire Bedingungen zwischen den Produzenten von Nachrichten und den Internetkonzernen mit ihren Vertriebsplattformen schaffen. Der Ausgang des jahrelangen Streits wird über die Informationskultur in Europa entscheiden.

Österreich ist ein besonderes Medien-Biotop. Dort alimentiert der Staat die Zeitungen nicht nur über eine Presseförderung, sondern auch besonders großzügig über Anzeigen. Die österreichische Hauptstadt ist ein besonders krasses Beispiel: Das Bundesland Wien überweist rund ein Fünftel seines Anzeigenvolumens an die „Kronen Zeitung“. Von den 28,2 Millionen Euro gehen an das Massenblatt der Familie Dichand allein 4,6 Millionen Euro, an die Gratis-Zeitung „Heute“ 4,3 Millionen Euro und an „Österreich“ – das Blatt der Fellner-Brüder – weitere 2,8 Millionen Euro. Das fanden ausgerechnet die sozialdemokratischen Querdenker von der Sektion Acht in mühseliger Kleinarbeit heraus.

Die Abhängigkeit der Blätter von den Zuwendungen der politisch Mächtigen liegt auf der Hand. Der Staat hält „seine schützende und geldverteilende Hand über die Medien“, wie es der frühere RTL-Chefredakteur Hans Mahr am Montag bei einer Anhörung des österreichischen Kanzleramtes zur Reform der Presseförderung so trefflich formulierte.

Anzeige

In Deutschland werden Zeitungen zum Glück nicht staatlich gefördert. Und das ist gut so. Nur wirtschaftlich starke und profitable Unternehmen garantieren Unabhängigkeit und Freiheit. Dafür brauchen die Medienunternehmen aber faire Rahmenbedingungen – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Denn das Gleichgewicht zwischen den Produzenten von Nachrichten und den Internetkonzernen mit ihren Vertriebsplattformen ist seit langem gestört. Die Einführung eines nationalen Leistungsschutzrechtes, wie es in Deutschland oder Spanien der Fall ist, ist auf Dauer keine Lösung. Es war nur ein erster, kleiner Schritt. Die Einnahmen aus dieser Gesetzesänderung sind schließlich mehr als bescheiden. Insider in Berlin berichten, dass die Einnahmen unter eine Million Euro liegen sollen. Das wäre nichts.

Es ist daher längst überfällig, dass die EU-Kommission faire Marktbedingungen in ganz Europa schafft. Denn Verlage und Internetgiganten wie Google, Facebook & Co. leben in einer Art Symbiose. Die Zeitungen und Zeitschriften brauchen die Reichweite und die Onlineanzeigen für ihr digitales Geschäftsmodell, und Google, Facebook & Co. brauchen den Content für die Attraktivität ihrer Plattform. Soweit die Theorie.

In der Praxis herrscht ein wirtschaftliches Ungleichgewicht der Sonderklasse. Während Google – auch mit den kostenlosen Inhalten anderer – zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen ist und selbst Ölgiganten wie Exxon weit hinter sich gelassen hat, kämpfen die Verlage gegen Umsatz- und Gewinnrückgang. Manche mit Erfolg, manche mit geringem Erfolg. Ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, ist schließlich alles andere als einfach.


Crowdfunding bleibt Nische

Günther Oettinger will das aus den Fugen geratene System wieder ins Lot bringen. Der EU-Kommissar möchte die Internetkonzerne zur Kasse bitten, damit sie einen fairen Anteil ihrer Erlöse an die Zeitungsverlage zurückgeben. Wie das neue Urheberrecht in Europa aussehen könnte, zeigt die Musik- und Filmindustrie. Die Rechte dieser beiden Branchen sind europaweit so gut geschützt, dass die Branche die digitale Disruption überraschend gut übersteht.

Beim neuen Urheberrecht für die Verlage geht es aber nicht nur um Geld, es geht um die Informationskultur in Europa. Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs. Unabhängige Zeitungen und Zeitschriften – egal ob sie analog oder digital gelesen werden – sind dafür unverzichtbar. Auch wenn das noch nicht alle Netzaktivisten verstanden haben: Die Voraussetzung für unabhängigen Journalismus ist ökonomische Stärke. Mit Crowdfunding können zwar ein paar durchaus sympathische Einzelinitiativen auf den Weg gebracht werden. Doch diese Art der Finanzierung ist und bleibt eine winzige Nische.

Ob und wie schnell Oettingers Pläne, den Verlagen mehr Rechte an ihren Online-Inhalten zu geben, Wirklichkeit werden, ist noch offen. Seine Pläne brauchen das grüne Licht der Mitgliedsstaaten und des Europäischen Parlaments. Das sind zwei große Hürden.

Doch mehr als zwei Dekaden nach dem Durchbruch des Internets dämmert es immer mehr Entscheidern, dass sich das Schicksal der kreativen Informationswirtschaft für mehr als eine halbe Milliarde EU-Bürgern auch an einem intelligenten und zeitgemäßen Urheberrecht entscheiden wird. Denn ohne eine wirtschaftlich vernünftige Beteiligung an den Vermarktungs- und Verwertungserlösen von Online-Inhalten durch die Internetgiganten aus dem Silicon Valley wird die ohnehin schon geringere Vielfalt von unabhängigen Informationsmedien verschwinden. Daran kann niemand mit Verstand in Europa ein Interesse haben.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%