Der Medien-Kommissar: Piraten besiegen RTL

Der Medien-Kommissar: Piraten besiegen RTL

, aktualisiert 20. Februar 2017, 17:54 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der erst vor einem Jahr gestartete internationale Sender der Bertelsmann-Tochter, RTL International, gibt auf. Die Enttäuschung über unbeherrschbare Piraterie und das fragwürdige Verhalten von ARD und ZDF ist groß.

DüsseldorfDas Scheitern eines Senders ist für RTL, dem größten Fernsehkonzern in Europa, eine miserable Erfahrung. Dennoch wird die Fernsehtochter des Medienriesen Bertelsmann ihren im Januar 2016 gegründeten Weltfernsehkanal RTL International zum 31. Mai einstellen. Am Kölner Picasso-Platz, Sitz von RTL in Deutschland, ist die Enttäuschung groß. Nur zu gern hätte der Privatsender seine Inhalte und Marken weltweit über Kabel, Satellit und Internet den Nutzern kostenpflichtig zur Verfügung gestellt und dabei auch ein wenig Geld mit Auslandsdeutschen und Touristen verdient.

Der Grund für das schnelle Ende von RTL International ist keineswegs das mangelnde Interesse der Zuschauer oder gar die überschaubaren Abo-Kosten. Das Abo über die App kostet maximal knapp acht Euro. Im Gegenteil, das ambitionierte Projekt stieß auf großes Interesse in Europa und weltweit. Das Problem ist die unkontrollierbare Piraterie. Gnadenlos wurde das Sendesignal von RTL International gratis im Internet gestreamt. Und der Sender? Er musste hilflos zusehen, wie seine Rechte systematisch verletzt wurden. Es war wie im Kampf gegen eine Hydra: wenn ein Schlangenkopf abgeschlagen wird, wächst sofort ein neuer nach.

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Der wirtschaftliche Schaden ist für den TV-Konzern irrelevant und in der Bilanz nicht bemerkbar. Denn das Programm mit bekannten Serien wie „Alarm für Cobra 11“ und „Hinter Gittern“ oder Spieleshows, das sich an deutschsprachige Zuschauer und Touristen im Ausland richtet, ist preiswert auf die Beine zu stellen. Was RTL-Vorstandschefin Anke Schäferkordt vielmehr ärgert, ist die Dimension der Piraterie im Netz weltweit.

Den Kölnern ist es schnell gelungen, RTL International von den USA und Kanada über Australien und Neuseeland bis nach Südafrika und Israel auf Plattformen und als App für Apple, Google und Roku zugänglich zu machen. Doch angesichts der zahlreichen illegalen Möglichkeiten fanden sich am Ende nicht genügend Zuschauer, die bereit waren, für die Angebote zu zahlen. Die illegalen Streamingdienste haben das Geschäftsmodell zerstört.


Eine Strafverfolgung ist kaum möglich

Das Schlimmste: Die Piraten brauchen sich vor Strafverfolgungsbehörden kaum zu fürchten. Viele Drahtzieher sitzen in Staaten wie der Ukraine oder Bahamas, wo ein Sender wie RTL mit rechtsstaatlichen Mitteln kaum etwas ausrichten kann. In der Kölner Zentrale wuchs daher die Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Piraterie von Fernsehinhalten außerhalb des Heimatmarktes sinnlos ist. Das liegt auch daran, dass mächtige Mitstreiter im Kampf gegen die Piraterie fehlen.

Es gilt als offenes Geheimnis in der Medienbranche, dass Google und Apple quälend lange und wenig transparente Prozesse zum Melden von Urheberrechtsverletzungen haben. Hinzu kommt, dass ARD und ZDF die illegale Nutzung ihres Sendesignals nach Meinung von Insidern außerhalb des gesetzlichen Verbreitungsgebietes nicht wirklich bekämpfen. „Man hat fast das Gefühl, sie nehmen es positiv billigend in Kauf“, sagt frustriert ein Manager eines Privatsenders. Er weist darauf hin, dass Mediatheken von ARD und ZDF weltweit verfügbar seien. Tatsächlich sind ARD, ZDF, 3SATt und Arte beispielsweise in Südafrika auf der Plattformen Deukom (https://www.deukom.co.za/sender.php) erhältlich.

Dabei besitzt das mit über acht Milliarden Euro finanzierte öffentlich-rechtliche System gar keinen Auftrag außerhalb seines definierten Sendegebiets, seine Programme auszustrahlen. Für den Auslandsrundfunk ist die Deutsche Welle zuständig, die von Steuergeldern direkt seit Jahrzehnten finanziert wird. Es gehört zu den unerklärlichen Phänomenen deutscher Rundfunkpolitik, dass dieser fragwürdigen Praxis von den Aufsichtsgremien von ARD und ZDF kein Ende gesetzt wird.

RTL hat auf alle Fälle nach 13 Monaten den Stecker bei RTL International gezogen. Damit haben ARD und ZDF wieder weltweit freie Bahn.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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