Der Medien-Kommissar: Sisyphusarbeit im Netz

Der Medien-Kommissar: Sisyphusarbeit im Netz

, aktualisiert 29. Mai 2017, 16:27 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Staat alleine wird den Kampf gegen Hass und Hetze nicht gewinnen. Wirtschaft und Medien sind in der Auseinandersetzung mit dem Populismus gefordert, mit Fakten und Dialog eine konstruktive Rolle zu spielen.

Die von der „Wirtschaftswoche“ veröffentliche Replik von Facebook auf Justizminister Heiko Maas und dessen geplantes Netzwerkdurchsetzungsgesetz – besser bekannt als Facebook-Gesetz – kann der Sozialdemokrat nicht von einfach vom Tisch wischen. Die Gesetzesvorlage ist aus Sicht des börsennotierten Konzerns aus dem Silicon Valley nicht geeignet, Hass, Hetze und Falschmeldungen zu bekämpfen.

Das soziale Netzwerk sieht sich nicht als Unternehmen, sondern vor allem den Staat in der Pflicht. Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte. Selbstverständlich muss Facebook – längst ein digitales, werbefinanziertes Medienunternehmen – endlich konsequent Verantwortung für seinen verbreiteten Inhalt übernehmen, aber das wird bei weitem nicht ausreichen.

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Hass, Hetze, Falschmeldungen sind der Humus, den der Populismus braucht, um prächtig zu gedeihen. Zweifellos muss sich der Staat um diese gefährlichen Fehlentwicklungen kümmern. Doch dessen Sanktionen per neuem Gesetz werden nicht ausreichen, mit der Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas fertig zu werden. Auch die Wirtschaft und die Medien sind gefordert.

Viele Unternehmen haben eine sehr lange Erfahrung im Umgang mit Demagogie und Hetze. Die Energiebranche ist dafür ein Beispiel. „Populismus hat uns in den letzten Jahrzehnten beherrscht“, sagt Wolfgang Anzengruber, CEO des größten österreichischen Stromkonzerns Verbund, auf dem Wiener Strategieforum. „Alle lieben Energie, aber niemand will ein Kraftwerk sehen. Alle schätzen Autos, aber niemand ein Stahlwerk, welches das Blech dafür herstellt.“

In seiner Analyse hat der Vorstandschef drei Ingredienzien ausgemacht, nämlich Wut, Angst und Neid. Nicht zuletzt in den sozialen Netzwerken wie Facebook werden sie verbreitet.


Wie man den destruktiven Populismus besiegt

Die Folge ist: Nicht nur die politische Elite wird diskreditiert, sondern längst auch die ökonomische und mediale. Der Ansehensverlust der Finanzbranche ist nur ein Beispiel. Längst hat der Imageschaden auch auf andere Branche wie die Automobil-, Pharma- oder Energiewirtschaft übergegriffen. Ganzen Teilen der Wirtschaft wird die ökonomische und intellektuelle Redlichkeit abgesprochen. Misstrauen und Verschwörungstheorien greifen um sich.

Politiker, Ökonomen und Unternehmer reden sich in Europa die Köpfe über die richtige Antwort auf den Populismus heiß. Eine Zauberformel gibt es bekanntlich nicht, doch zumindest erst Ansätze zeichnen sich ab. Um den destruktiven Populismus zu besiegen, brauchen Unternehmen, Gesellschaft und Staat mehr Mut zu einem positiven Konstruktivismus. Das heißt, sie müssen viel mehr auf ehrlichen und transparenten Dialog sowie nachvollziehbare Lösungen, die Mut und Zuversicht fördern, setzten.

Das gilt auch für die Medien. „Das Geschäft mit der Angst ist ein Geschäft der Medien geworden“, lautete der Vorwurf von Matthias Strolz, Chef der österreichischen liberalen Partei Neos, an die Medien. Auch wenn diese These nur für einen Teil zutrifft, steckt hinter der Kritik doch ein wahrer Kern. Tatsächlich müssen Medien mehr Verantwortung und Dialog mit ihren Nutzern suchen.

Ein positives Beispiel dafür ist die ARD. „Sag’s mir ins Gesicht“ heißt die Aktion, bei der sich ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke live auf Facebook den Kritikern stellte. Auch wenn sich zum Auftakt kein Hassprediger aus dem Netz outete, so ist der Versuch richtig, auch in Zukunft die direkte Auseinandersetzung anzubieten.

Die Antwort auf dem Populismus, auch im Netz, kann nicht Ausgrenzen, Ignorieren oder Bestrafen sein, sondern eine permanente Konfrontation mit Argumenten und Fakten, die Lösungen und Alternativen aufzeigen. Eine Sisyphusarbeit für Wirtschaft und Medien – analog und digital.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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