Der Medien-Kommissar: Stahlgeld für das Burgtheater

Der Medien-Kommissar: Stahlgeld für das Burgtheater

, aktualisiert 28. November 2016, 15:14 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Technologiekonzern Voestalpine setzt als neuer Sponsor der berühmtesten Bühne deutscher Sprache ein Zeichen gegen Intoleranz und Islamphobie. Österreichs Theater und Konzerne halten sich normalerweise fein zurück.

Der amerikanische Autor Ayad Akhtar tritt kurz vor der Premiere schüchtern beim Empfang des Stahlkonzerns Voestalpine im Burgtheater auf. Schließlich ist der Pulitzer-Preisträger mächtig unsicher, ob sein in den USA widersprüchlich aufgenommenes Stück „Geächtet“ („Disgraced“) auf der berühmtesten Bühne deutscher Sprache funktioniert. Akhtar reflektiert auf eine sehr komplexe und kluge Art und Weise das in Schieflage geratene Lebensgefühl von amerikanischen Muslimen nach dem 11. September 2001.

In seinem 2012 in Chicago uraufgeführten Meisterwerk geht es um Amir, einen muslimischen Wirtschaftsanwalt pakistanischer Herkunft, der um Ansehen und Aufstieg in der amerikanischen Gesellschaft kämpft. Am Ende zerbricht Amirs Migrantentraum und seine Hoffnung auf ein assimiliertes Leben in einem westlichen Land am subtilen und inhumanen Rassismus.

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Dass sich der neue Burgtheater-Sponsor Voestalpine, einst gegründet als Hermann-Göring-Werke in Hitlers Lieblingsstadt Linz, das Stück „Geächtet“ mit Auftakt eines Sponsorendaseins ausgesucht hat, ist alles andere als Zufall. Damit gibt das börsennotierte Unternehmen ein Statement ab für mehr Toleranz und gegen Rassismus. Gerade in einem Land, das womöglich am nächsten Sonntag bei der Bundespräsidentenwahl mit Norbert Hofer (FPÖ) den ersten Rechtspopulisten auf den Chefsessel eines westeuropäischen Staates hebt, ist das eine besondere Ansage. Denn in der Regel duckt sich die Wirtschaft angesichts des Rechtsdralls in Österreich geschickt weg.

Wolfgang Eder, langjähriger CEO des Stahlriesen, reiste zusammen mit seinen Vorstandskollegen und seinem Aufsichtsratschef eigens nach Wien, um bei der Premiere von „Geächtet“ persönlich dabei zu sein. Über drei Jahre läuft der neue Vertrag des Linzer Konzerns als Sponsor des Wiener Burgtheaters. Künftig werden unter den Gästen im Burgtheater verstärkt Mitarbeiter der Voestalpine zu finden sein. Denn der Technologiekonzern hat sich mit seinem Vertrag als Sponsor ein festes Kartenkontingent gesichert.

Finanzielle Details der Zusammenarbeit mit der weltberühmten Bühne wurden zwar nicht bekannt. Doch so viel ist klar: Das Stahlgeld kann die Staatsbühne in der österreichischen Hauptstadt gut brauchen, denn durch schlampiges Management und absurde Kassenführung schlitterte das Burgtheater in eine finanzielle Schieflage, aus der sich nun die aus Deutschland stammende Burgtheater-Chefin Karin Bergmann langsam herausarbeitet.


Theaterintendanten schweigen

Das Stück „Geächtet“ von Ayad Akhtar ist ein seltenes Beispiel in Österreich für ein Theater, das nicht nur unterhalten, sondern auch verändern will. Die Hochkultur der Alpenrepublik ist in den vergangenen Jahren zu einer gut geschmierten Hochleistungsmaschine mutiert, in der für provokante Positionen und gar eindeutige Haltungen kein Platz mehr ist.

Das Theater hat sich grundlegend verändert. Früher wollten Intendanten und Regisseure Positionen und Macht erobern, um die Gesellschaft zu verändern. Heute wollen sie nur noch Positionen und Macht erobern. Die Kulturmaschinerie ist in einem Land, in dem Rechtspopulisten von einem Sieg zum nächsten eilen, weitgehend entpolitisiert. Das musste auch der deutsche Theaterintendant Christoph Nix erkennen, als er für seine Doktorarbeit die wichtigsten Bühnenchefs in Österreich zu ihrer politischen Haltung befragte.

Er biss nämlich auf Granit. Fragen wie „Glauben Sie, dass Sie als IntendantIn politischen Einfluss haben?“ oder „Wer macht in Österreich Theaterpolitik?“ oder gar „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestags/Nationalratswahl wäre?“ wollten die Mächtigen an Österreichs Bühnen nicht beantworten. Nix verschickte 15 Fragebögen und bekam nur zwei zurück. Darauf schlug er über eine Presseerklärung in Österreich Alarm. Doch außer der Wiener Zeitung „Standard“ griff kein namhaftes Blatt das Thema auf. Lag es daran, dass der Skandal gar nicht erkannt wurde? Oder war dafür schlichtweg die Resignation der Kulturschaffenden dafür verantwortlich?

Das Engagement der Voestalpine beim Burgtheater ist als Ermunterung zu sehen, sich vom musealen Theater mit Klassikern wie Johann Nestroy oder Hendrik Ibsen wieder stärker den zeitgenössischen Autoren zuzuwenden, um so ein neues und auch jüngeres Publikum zu gewinnen. Gerade in einer Zeit, in der Populismus als Reaktion auf Globalisierung und Digitalisierung das bisherige Wertesystem bedroht, wird das Theater auch als Medium der gesellschaftlichen Auseinandersetzung dringend gebraucht.

Debatten über Fremdenfeindlichkeit und Islamphobie dürfen nicht nur Hetzern auf Facebook & Co. überlassen werden. Sondern müssen auch auf der Bühne in aller ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit behandelt werden. Der Versuch des Burgtheaters mit „Geächtet“ ist ein gelungenes Beispiel dafür. Dieser Versuch wird noch sehr viel wertvoller, wenn ihn einer der größten Konzerne Österreichs fördert. Die Frage ist nur, warum Theater und Österreichs Konzerne – auch Voestalpine – nicht schon sehr viel früher auf die Idee gekommen sind.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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