Der Medien-Kommissar: Terror, Trauma, Theater

Der Medien-Kommissar: Terror, Trauma, Theater

, aktualisiert 06. Februar 2017, 15:45 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Bestsellerautor Daniel Kehlmann entlarvt in seinem neuen Stück „Heilig Abend“ die staatliche Sicherheitsneurose in einer Zeit, in der terroristische Gefährder die westliche Welt in Schrecken versetzen.

Was ist ein Gefährder? Früher gab es dieses Wort nicht. Erst 2009 hat es das maskuline Substantiv in den Duden geschafft. Heute ist es aus dem amtlichen Sprachgerbrauch nicht mehr wegzudenken. Der Duden definiert den Gefährder als „eine Person, von der eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgehen könnte“.

Die Bundesregierung wird in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag schon exakter: „Ein Gefährder ist eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen wird.“

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Solch ein Mensch steht im Mittelpunkt des neuen Theaterstücks „Heilig Abend“ des Bestsellerautors Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“), das am Wiener Theater in der Josefstadt aufgeführt wird. Die linke Professorin Judith hat sich auf die Werke des französischen Schriftstellers und Politikers Frantz Fanon (1925-1961) spezialisiert.

Wie dem Autor des berühmten Oeuvres „Die Verdammten der Erde“ wird auch der Hochschullehrerin von dem Verhörspezialisten Thomas (Bernhard Schir) die Verherrlichung von Gewalt vorgeworfen. Der Druck auf das Duo im Verhörraum, hinter dessen Wand sich ein halbes Dutzend Verfassungsschützer verbergen, ist enorm. Denn angeblich soll um Mitternacht an „Heilig Abend“ eine Bombe hochgehen. Das Verhör beginnt exakt um 22.30 Uhr und endet um 24 Uhr.

In diesen eineinhalb Stunden ohne Pause entfaltet Regisseur Herbert Föttinger auf der minimalistischen Guckkastenbühne aus einem kahlen, betongrauen Verhörraum mit Neonbeleuchtung und zwei schwarzen Bürostühlen ein Wortgefecht zwischen dem brutal-egomanischen Ermittler und der intellektuell-staatskritischen Philosophieprofessorin.

Der sprachgewaltige Text ist gespickt mit Anspielungen auf den einstigen Terror der RAF und dem aktuellen Trauma, ausgelöst durch islamische Terroranschläge. Bisweilen wird der Dialog zum philosophischen Diskurs. Auch Ironie und Groteskes blitzt bisweilen auf.

Der Staat kommt in Kehlmanns jüngstem Werk nicht als Helfer, sondern als Gefährder daher. Nicht die verhörte Professorin erscheint als Person, von der eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgehen könnte, sondern vielmehr der deformierte Verhörspezialist.


Kehlmann knüpft an das politisch-relevante Nachkriegstheater an

Denn er will eine Gefahr konstruieren, die von seiner Zeugin ausgeht. Doch sie stellt sich als harmlos heraus. Im Programmheft wird daher Ernst Benda, der frühere Innenminister und einstige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, zitiert: „Einen Staat, der mit der Erklärung, er wolle Straftaten verhindern, seine Bürger ständig überwacht, kann man als Polizeistaat bezeichnen.“

Gerade in einer Zeit, in der das Theater als Ort der Hochkultur vor allem wieder eine Unterhaltungsfunktion übernimmt, ist das neue Stück des deutsch-österreichischen Autors Kehlmann eine politisch-intellektuelle Herausforderung. Dabei scheut er auch keine Anspielungen auf die Gegenwart in Zeiten des Terrors und der „America-First“-Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

In Österreich überschlagen sich die Regierungsmitglieder derzeit mit immer neuen Ideen zur Überwachung, Grenzsicherung und zum Abbau der Bürgerrechte. Deshalb kommt das unbequeme Stück in einer Zeit politischer Selbstgefälligkeit genau zum richtigen Zeitpunkt.

Mit seinem Duell in der Manier des High-Noon knüpft Kehlmann an die große, heute vergessene Zeit des politisch-relevanten Nachkriegstheaters an. Damals lösten Theaterautoren wie Heinar Kipphardt mit Stücken wie „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ oder Rolf Hochhuth mit „Der Stellvertreter“ gesellschaftspolitische Debatten aus.

Kehlmann ist hingegen kein dokumentarischer Realist. Sein Stück „Heilig Abend“ besitzt sprachlich und inhaltlich die Magie der Wirklichkeit, die den Besucher dank hoher Schauspielkunst der beiden Protagonisten nicht nur intellektuell, sondern auch emotional berührt. Deshalb ist Kehlmanns raffiniertes Bühnenspiel eine Reise nach Wien wert.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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