Der Medien-Kommissar: Teures Fernsehvergnügen jenseits der Alpen

Der Medien-Kommissar: Teures Fernsehvergnügen jenseits der Alpen

, aktualisiert 12. Dezember 2016, 18:39 Uhr
Bild vergrößern

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Im Gegensatz zu ARD und ZDF verlangt der ORF von seinen Bürgern mehr Geld. Doch dagegen formiert sich in Österreich massiver Widerstand. Ein öffentlich-rechtliches Bezahlfernsehen könnte die Lösung sein.

Angesichts der steinreichen Nachbarn aus Deutschland – ARD und ZDF – wünscht sich nun der ORF höhere Gebühren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Österreich will ab Mai nächsten Jahres von Bürgern und Unternehmen 1,25 Euro im Monat mehr verlangen. Das entspricht einer Steigerung von knapp acht Prozent. Die Gebühr würde damit von derzeit 16,16 auf 17,41 Euro steigen.

Damit will ORF-Chef Alexander Wrabetz Löcher stopfen, die beispielsweise durch sinkende Werbeeinnahmen entstehen. Vor allem die Ableger der deutschen TV-Konzerne RTL und Pro Sieben Sat 1 wildern schließlich höchst erfolgreich im ORF-Sendegebiet. Und im Gegensatz zu ARD und ZDF finanziert sich der ORF stark aus Reklame. Den Rundfunkgebühren von fast 600 Millionen Euro stehen mehr als 200 Millionen an Werbeeinnahmen gegenüber.

Anzeige

Mit seinem Vorstoß hat der wiedergewählte ORF-Chef Wrabetz eine Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich ausgelöst, die er wohl selbst nicht so erwartet hätte. Ausgerechnet die Neos – eine Art österreichische FDP – wollen die bisherige Rundfunkfinanzierung abschaffen. Sie verlangen die Gerätegebühr, wie sie bis 2013 auch in Deutschland üblich war, durch eine staatliche Medienförderung zu ersetzen. Die Petition der Neos zählt nach Angaben der liberalen Partei bereits über 133.000 Unterzeichner. Tendenz steigend.

Der Vorstoß ist allerdings politisch wenig durchdacht. Denn er manövriert den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch stärker in die Fänge der Parteien. Schließlich würde dann die Regierung im Abstand von wenigen Jahren über den ORF den Daumen senken oder heben. Geld ist schließlich Macht. Der Vorschlag erinnert in fataler Weise an „illiberale Demokratien“ wie Ungarn oder Weißrussland. Für eine westeuropäische Demokratie wäre eine direkte staatliche Finanzierung eine Schande. Denn damit wäre die ohnehin geringe Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks endgültig zerstört.

Doch statt die Gebühren zu erhöhen oder die begrenzte Unabhängigkeit einer Rundfunkanstalt zu zerstören, gibt es im Fall Österreich noch andere Lösungen. In der Alpenrepublik variiert die Rundfunkgebühr zwischen 21,15 und 26,95 Euro im Monat – je nach Bundesland. Von diesem Beitrag erhält der ORF 16,15 Euro. Der Rest geht unter anderem in die Kunstförderung oder direkt an Länder und Gemeinden.

Die Länder zweigen bis zu einem Drittel des sogenannten Programmentgeltes für ihre Zwecke ab. Kaum mehr als zwei Drittel der Rundfunkgebühren kommen also beim ORF tatsächlich auch an.


Öffentlich-rechtliches Bezahlfernsehen?

Zahlreiche Bundesländer zwischen Bodensee und Neusiedler See bedienen sich seit Jahrzehnten schamlos bei den Rundfunkgebühren. Eine in Europa einmalige Situation. Wenn mit dieser abnormen Situation endlich Schluss gemacht werden könnte, wäre das Finanzproblem des ORF ohne Mehrkosten für Bürger und Unternehmen gelöst. Die Länder würden verzichten – und der ORF gewinnt.

Doch über Österreich liegt ein Mehltau. Mut zu neuen politischen Entscheidungen ist nicht in Sicht. Das Beharrungsvermögen in der politisch ohnehin zerrissenen Alpenrepublik ist so hart wie Beton. Das weiß auch der ORF. Deshalb soll der Bürger abermals zur Kasse gebeten werden. Die Folgen wären fatal: Die Entfremdung zwischen Bürger und Rundfunk wächst so noch weiter. Wenn niemand in naher Zukunft die Finanzierung des Rundfunksystems bootet und ein neues System implementiert, sind die Tage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – wie wir ihn kennen – gezählt.

Weitsichtige Politiker sollten vor diesem Hintergrund bislang Undenkbares prüfen. Der ORF besitzt bei entsprechendem politischen Willen die Chance, einen komplett neuen Weg zu gehen – nämlich die Möglichkeit eines öffentlich-rechtlichen Bezahlfernsehens, bei dem der Nutzer über den Umfang des Abonnements entscheidet.

Nach dem Vorbild des privaten Bezahlfernsehens könnte der ORF beispielsweise neben einem verpflichtenden Basispaket entsprechend seine verschlüsselten Angebote für Fernseher, Tablet und Handy anbieten. Freiwilligkeit statt Zwang. Schließlich gehört der ORF zu Österreich wie der Großglockner und der Tafelspitz. Er ist unverzichtbar.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%