Der Medien-Kommissar: Tiefpunkt Song Contest

Der Medien-Kommissar: Tiefpunkt Song Contest

, aktualisiert 15. Mai 2017, 14:45 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Die Zuschauer verlieren angesichts des miserablen Abschneidens deutscher Künstler zusehends die Lust auf den Eurovision Song Contest. Die ARD muss endlich einen inhaltlichen und personellen Neuanfang wagen.

Das desaströse Abschneiden der von der ARD in den Himmel gehobenen Levina mit ihrem Allerweltsong „Perfect Life“ beim Eurovision Song Contest (ESC) ist keine Überraschung. Die 26jährige Bonnerin kam bei dem Sangeswettbewerb auf den vorletzten Platz. Levina reiht sich damit in eine Reihe von Verliererinnen ein. Im vergangenen Jahr landete Jamie-Lee mit „Ghost“ sogar auf dem letzten Platz – mit elf Punkten. 2015 in Wien erhielt Ann-Sophie mit dem das Fast-Food-Song „Black Smoke“ nicht einmal einen einzigen Punkt und wurde ebenfalls Letzte.

Das Desaster beim ESC hat Konsequenzen für das Erste. Denn die Zuschauer stimmen über die internationale Musiktalentshow in der ARD auch mit der Fernbedienung ab. In diesem Jahr wurde mit Kiew ein neuer Tiefpunkt erreicht. Nur noch 7,76 Millionen Zuschauer schaltete im Ersten die diesjährige Musikshow aus der ukrainischen Hauptstadt ein. Wie schlecht es um die Zuschauergunst steht, zeigt ein Vergleich: selbst mit einer schon angestaubten Wiederholung der Münsteraner Krimiserie „Wilsberg“ kam das ZDF noch auf stolze 4,83 Millionen.

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Nur mit Wehmut kann sich der innerhalb der ARD für den ESC zuständige NDR auf glanzvolle frühere Zeiten zurückblicken. Damals als Lena mit ihrem musikalischen Ohrwurm „Satellite“ den ESC-Sieg holte, saßen noch 13,9 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen in Deutschland. Ein Jahr danach, im Stadion von Düsseldorf, erreichte der ESC mit der charismatischen Lena sogar 14,7 Millionen vor den Fernsehern.

Der ARD und ihrem Song-Contest laufen die Zuschauer reihenweise davon. Schuld daran sind nicht die jungen Künstler, die in einen solchen Unterhaltungszirkus geschickt und verheizt werden. Sie geben wie im Fall von Levina ihr Bestes. Verantwortlich sind vielmehr die Granden des Senders.


Bei der ARD ist kein Einsehen zu erwarten

Angesichts der dritten Pleite beim ESC in Folge läge es auf der Hand, ehrliche Selbstkritik zu üben, um den Druck auf die Künstlerin zu nehmen, und Vorschläge für die Zukunft zu machen. Doch davon wollte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber vom NDR nichts wissen. Er redete die Blamage als „herbe Enttäuschung“ herunter.

Der 57-Jährige ergänzte lapidar: „Wir stellen uns dem Ergebnis und werden es analysieren.“ Mit anderen Worten, auch dieses Desaster perlt an uns ab. Dabei hatte Schreiber nicht nur die jahrelangen Niederlagen beim ESC mit zu verantworten, sondern auch das Desaster beispielsweise bei der Nominierung vor zwei Jahren. Damals musste der NDR den bereits nominierten Sänger Xavier Naidoo wegen angeblich homophober und antisemitischer Texte wieder zurückziehen.

Die in Europa einmalige miserable Serie beim Eurovision Song Contest zeigt, dass es der NDR seit Jahren konsequent nicht versteht, die wirklichen Talente in Deutschland für die Musiktalentshow zu entdecken. Die Intendanten sind nun gefragt, endlich auf die Reset-Taste zu drücken. Die ARD-Granden müssen mit neuen Verantwortlichen, neuen Methoden und vor allem mit einer neuen Musik einen Neuanfang wagen – das System neu booten. Das sind sie Millionen von Gebührenzahlern schuldig, welche den Millionenaufwand schließlich finanzieren.

Wie formulierte der portugiesische Gewinner Salvador Sobral es nach seinem fulminanten Sieg mit der poetischen Jazzballade „Amar Pelos Dois“ (Liebe für zwei): „Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik – Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt. Dies könnte ein Sieg für die Musik sein, für Leute, die Musik machen, die noch etwas zu sagen hat. Musik ist kein Feuerwerk. Musik ist Gefühl. Lasst uns versuchen, etwas zu ändern und die Musik zurückzubringen. Das ist das Entscheidende“.

Eine Möglichkeit für einen Neuanfang wäre die Zusammenarbeit mit einem privaten Sender und dessen Kreativmannschaft zu suchen. Zur Erinnerung: Es war der kongeniale Entertainer und Unternehmer Stefan Raab, der zu seinen Glanzzeiten bei Pro Sieben Sat 1 Deutschland mit seinem Nachwuchstalent Lena und den ESC-Sieg ein Wunder bescherte. Doch das hat die ARD offenbar längst vergessen.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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