Der Medien-Kommissar: Trump wirbt gratis für die New York Times

Der Medien-Kommissar: Trump wirbt gratis für die New York Times

, aktualisiert 30. Januar 2017, 19:10 Uhr
Bild vergrößern

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Das börsennotierte Flaggschiff des amerikanischen Qualitätsjournalismus wird zu Donald Trumps ganz besonderem Hassobjekt. Doch mit jedem Tweet des neuen US-Präsidenten auf Twitter wächst das Ansehen der New York Times.

Die New York Times ist keine Zeitung. Sie ist ein Institution der amerikanischen Demokratie - und das schon bald 166 Jahre. Kein anderes Blatt versammelt so viele Pulitzer-Preisträger wie das Medienunternehmen der Familie Sulzberger. Ausgerechnet den Leuchtturm des Qualitätsjournalismus hat sich Donald Trump als medialen Erzfeind ausgesucht. Der Caligula des amerikanischen Imperiums, dessen beste Zeiten tief im 20. Jahrhundert begraben sind, empfiehlt eine Schließung oder Übernahme des börsennotierten Unternehmens.

In gleich vier Tweets des Kurznachrichtendienstes Twitter rechnete der 45. Präsident der Vereinigten Staaten am Wochenende mit den New York Times ab. Ausgerechnet der Extrem-Republikaner Trump mit seinem unausgereiften Verhältnis zu Information und Analyse bezichtigte die Zeitung der Lüge. In Versalien spricht er auf Twitter von „Fake News“.

Anzeige

Die Tiraden des mächtigsten Mannes der Erde erinnern an Caligulas Regierungscredo: oderint, dum metuant – mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten. Doch der Rechnung des früheren Immobilien-Tycoons wird nicht aufgehen. Denn die New York Times zeigt sich weiterhin furchtlos.

Trumps Hoffnung auf eine Übernahme der New York Times wird nicht aufgeben. Denn die Verlegerfamilie denkt nicht im Traum daran, ihre Anteile zu verkaufen. Die Marktkapitalisierung des Medienunternehmens beträgt derzeit 2,1 Milliarden Dollar. Der Wert des Unternehmens hat seit der Wahl Trumps sogar noch zugenommen. In November 2016 lag die Aktie noch bei rund elf Dollar, zuletzt notierte sie bei mehr als 13 Dollar. 2012 war das Papier noch weniger als sieben Dollar wert.


Glücksfall für das Blatt

Gerade in den postfaktischen Medienzeiten eines Donald Trump sind die amerikanischen Qualitätsmedien wie die New York Times, die Washington Post oder das Wall Street Journal stärker gefragt denn je. Nicht ohne Ironie postete das Blatt: „Abonnenten und Nutzergemeinde auf einem Höhepunkt. Unterstützen den unabhängigen Journalismus.“ Jeder Tweet von Donald Trump nützt den Zeitungen wie der New York Times, die auf Recherche und Dokumentation setzten. Trump könnte sich sogar als Glücksfall für das Blatt in seiner digitalen Transformation erweisen. Denn die unüberlegten und für viele Akteure beleidigenden Aktivitäten des Weißen Hauses erzeugen gesteigertes Leseinteresse.

Die New York Times legt daher – ganz im Leserinteresse – nach. Chefredakteur Dean Baquet kündigte an, mehr Geld und mehr Journalisten zur Verfügung zu stellen, um Donald Trump und seine Brachialpolitik, die Amerika um Ansehen und Respekt bringt, noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Leserinteresse wächst, insbesondere über Smartphones und Tablet-PCs. Schon heute zählt die Zeitung rund 1,5 Millionen Digitalkunden. In drei Jahren will das Blatt einen Digitalumsatz von 800 Millionen Dollar erzielen. Derzeit sind es gerade eine halbe Milliarde Dollar. Doch vielleicht gelingt die geplante Umsatzsteigerung dank Trump noch sehr viel schneller?

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%