Der Medien-Kommissar: TV-Kampfplatz der Gefühle

Der Medien-Kommissar: TV-Kampfplatz der Gefühle

, aktualisiert 26. September 2016, 12:43 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Das Fernsehduell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton wird zum Meilenstein. Früher prägte der Wettbewerb um die besten Informationen Medien und Politik. Heute zählt nur noch die Emotionalisierung.

Wenn Uwe-Karsten Heye aus seiner Zeit als Regierungssprecher unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erzählt, stellt sich bei dem heute 76-Jährigen eine nachvollziehbare Melancholie ein. Als er 1998 ins Kanzleramt in Berlin einzog, sollte mit der höfischen Pressearbeit noch unter Helmut Kohl (CDU) Schluss sein. Alle Journalisten – in- und ausländisch – sollten grundsätzlich den gleichen Zugang zur politischen Macht haben. Der Kampf um die besten Informationen sollte fair und transparent ablaufen – soweit die Theorie. Denn Heye dachte damals, in einer Demokratie entscheiden Informationen über den politischen Meinungsprozess, wie er bei einem Besuch in Wien erzählt. Heute weiß der Vorstandsvorsitzende des Vereins „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“: diese Zeiten sind passé.

Was ist passiert? Miriam Meckel, Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, brachte es vor wenigen Tagen bei den Österreichischen Medientagen auf den Punkt: Wir leben in einem postfaktischen Medienzeitalter. In der digitalen Welt dominieren nicht mehr Informationen, sondern Emotionen. Der Zugang zu Information – wie noch zu Zeiten eines Regierungssprechers Heye um die Jahrtausendwende – entscheidet in einer heutigen Mediokratie nicht mehr über den medialen Willensbildungsprozess oder gar über Zustimmung beziehungsweise Ablehnung von Politiken.

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Aus dem früheren Marktplatz der Ideen, Informationen und Meinungen ist heute ein Kampfplatz der Gefühle, Verzerrung und sogar Lüge geworden. Meckel hat bei ihrem Auftritt in Wien einen freien und fairen Wettbewerb gefordert.

Die Frage ist nur: Wie kann dieser mediale Raum, in dem Verantwortung, Ehrlichkeit und Würde noch einen Platz haben, überhaupt geschaffen werden? Der Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl schlägt ein gemeinsames Anti-Kartellverfahren der USA und der Europa-Union gegen Giganten wie Google, Facebook, Apple, Microsoft und Amazon vor. Doch ist das ein wirksames Mittel für die Rückkehr in das faktische Medienzeitalter? Wohl kaum.


Trump ist nur mit Fakten nicht zu schlagen

In der Nacht zu Dienstag nach europäischer Zeit liefern sich Donald Trump und Hillary Clinton ein Fernsehduell, das womöglich alle Zuschauerrekorde einer Talkshow um das Präsidentenamt in den USA schlagen wird. Der Grund ist keineswegs, dass es in früheren Zeiten weniger herausfordernde Themen mit spannenden Kandidaten gegeben hätte. Das Motiv für die wahrscheinlich exzellente Quote ist die Emotionalisierungsmaschine Donald Trump. Der Milliardär als Homo Politicus ist ein Produkt des Fernsehens. Sein Aufstieg zum eventuell mächtigsten Mann der Erde ist ohne die NBC-Show „The Apprentice“ nicht vollstellbar. Dort ist Trump in die Lehre gegangen, um zum Musterbeispiel eines postfaktischen Politikers aufzusteigen.

Der 70-Jährige agiert auf dem Marktplatz der Gefühle, Verzerrung und Lügen so raffiniert und professionell wie kein anderer. Dabei haben sich rund zwei Drittel seiner Behauptungen und Thesen faktisch als falsch erwiesen, wie amerikanischen Medien herausgefunden haben. Trotzdem hat ihm diese Tatsache bislang nicht fundamental geschadet. Das eineinhalbstündige TV-Duell aus dem Hörsaal der privaten Hofstra University auf Long Island im US-Bundesstaat New York wird daher auch eine mediale Lehrstunde werden. Schafft es Trump mit Emotionalisierung das Gehirn der amerikanischen Wähler auszuschalten?

Mit Fakten allein wird der gnadenlose und politisch ahnungslose Populist im Kampf um das mächtigste Amt der Erde nicht zu schlagen sein. Im postfaktischen Zeitalter müssen Gefühle her, um zu überzeugen. Und genau das ist das zentrale Problem seiner Konkurrentin Hillary Clinton.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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