Der Medien-Kommissar: Vorbild für die mediale Elite

Der Medien-Kommissar: Vorbild für die mediale Elite

, aktualisiert 19. Juni 2017, 17:22 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Wechsel vom Managern in die Politik hat im Gegensatz zum umgekehrten Vorgang noch immer Seltenheitswert. Nun wird der frühere Gruner + Jahr-Chef Bernd Buchholz neuer Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein.

Um einen flotten Spruch war Bernd Buchholz nie verlegen. Als im Herbst 2008 die größte Finanzkrise seit Kriegsende ausbrach und wie ein Tsunami die Werbemärkte hinwegfegte, hatte der spätere Vorstandschef von Gruner + Jahr („Stern“, „Brigitte“) und damalige Deutschland-Chef des Hamburger Verlagshauses für seine verunsicherten Mitarbeiter eine klare Ansage: „Wenn Sie als Kapitän auf der Brücke stehen und eine Riesenwelle aufs Schiff zukommen sehen, dann müssen sie den Leuten auf dem Sonnendeck sagen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseite stellen müssen“, formulierte der selbstbewusste Manager damals.

Der lockere Spruch löste einen Aufschrei der Empörung damals in der Belegschaft aus. Und doch Buchholz sollte – leider – Recht behalten. Denn die durch die Pleite von Lehman Brothers ausgelöste Krise trug wesentlich dazu bei, dass Gruner + Jahr heute wirtschaftlich nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

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Wahrheiten auszusprechen gehört seit langem zum ungeliebten Handwerkszeug des Managers, der nun Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein wird. Am 28. Juni wird die neue Landesregierung von CDU, Grüne und FDP in Kiel vereidigt. Am Nachmittag des gleichen Tages wird der 55-jährige FDP-Politiker sein Amtszimmer im Kieler Wirtschaftsministerium beziehen.

Der Wechsel eines finanziell unabhängigen Managers in der Politik hat in Deutschland Seltenheitswert. Dabei könnte gerade die unter der Mittelmäßigkeit leidende Politik auf allen Ebenen – vom Bund über die Ländern bis zu den Kommunen – mehr Alphatiere mit Ideen und Mut aus der Wirtschaft brauchen. Warum tut sich Buchholz das an? Schließlich verbringen viele seiner Altersgenossen längst mehr Zeit auf Golfplatz und auf dem Segelboot als im öden Büro.


Zwischen frischem Wind und Ego-Problemen

Buchholz macht im Gespräch klar, dass ihn die Lust zum Gestalten antreibt. Der Unternehmer will in dem strukturschwachen Bundesland Ökonomie und Ökologie versöhnen, neue Entwicklung in der Energiebranche ermöglichen, ultraschnelles Internet überall verfügbar machen. Viele Idee, hehre Ziele. Im Grunde genommen will der frühere FDP-Landtagsabgeordnete die Wirtschaft im hohen Norden wachküssen.

Die Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium können sich unterdessen auf eine Zeitenwende gefasst machen. Buchholz, der mir gegenüber seinen Führungsstil als durchsetzungsstark und emphatisch umschreibt, will verändern und modernisieren. Auf Geduldsproben mit der Ministerialbürokratie wird sich der promovierte Jurist nicht einlassen wollen. Und Dinge beim Namen zu nennen, damit hat der frühere Gruner-Chef seit jeher kein Problem.

Ohnehin kann sich der in Ahrensburg bei Hamburg lebende Liberale, der bereits in den Neunziger Jahren dem schleswig-holsteinischen Landtag als Abgeordneter angehörte, Kompromisslosigkeit leisten. In seiner Zeit bei Bertelsmann verdiente er einen zweistelligen Millionen-Betrag. Er ist längst finanziell unabhängig. Sein Gehalt als Wirtschaftsminister liegt nach eigener Einschätzung im Jahr ungefähr in der Höhe eines Monatsgehaltes bei Gruner + Jahr. In Kiel verdient ein Minister deutlich unter 200.000 Euro pro Jahr.

Das vom einstigen Verleger und Gruner-Chef Gerd Schulte-Hillen entdeckte Polit-Talent Buchholz kann im Ministeramt dennoch nicht schalten und walten wie in einem Konzern. Den kompromisslosen Führungsstil, den er in schwierigen Jahren bei Gruner + Jahr an den Tag gelegt hatte, wird Buchholz in der Politik nicht fortführen können.

Der lebensfrohe Protestant wird Kompromisse in einer Dreier-Koalition ertragen müssen, in den er womöglich nicht immer eine bella figura machen wird. Das geht auf das Ego. Und das ist bei Buchholz nicht gerade klein. Doch der fleißige Manager ist lernbereit. Das hilft ungemein im komplizierten Ökosystem Wirtschaftspolitik.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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