Der Medien-Kommissar: Wunderwaffe Fernsehen

Der Medien-Kommissar: Wunderwaffe Fernsehen

, aktualisiert 21. November 2016, 18:04 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Mit einem eigenen Nachrichtensender baut der österreichische Verleger Wolfgang Fellner seine mediale Macht in der politisch labilen Alpenrepublik aus. Der Ritterschlag: Das Duell der beiden Bundespräsidentenkandidaten.

Wolfang Fellner ist bester Laune. Das maßgeschneiderte hellblaue Hemd mit seinen Initialen WF ist weit aufgeknöpft. Mit einem breiten, glücklichen Lächeln empfängt der Verleger des Boulevard-Blatts „Österreich“ seine Besucher. Denn sein neuer Fernsehsender Oe24.tv hat gerade seine Feuertaufe erlebt. Der Nachrichtenkanal durfte die erste Runde des Duells der beiden Bundespräsidentenkandidaten Norbert Hofer (FPÖ) und Alexander Van der Bellen (Grüne) senden – noch vor dem semistaatlichen ORF und den österreichischen Privatkanälen von Pro Sieben Sat 1 und Herbert Kloiber.

Eine Ehre und ein Sieg für den Verleger. Auch wenn bei dem Schlagabtausch mit den immer gleichen Argumenten beim mittlerweile dritten Anlauf um das höchste Amt in der Alpenrepublik wenig Neues heraus gekommen ist, ist Fellner dennoch glücklich. Er hat den Kampf um die Aufmerksamkeit gewonnen.

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Denn mit seinem eigenen Fernsehsender vergrößert der 62-jährige Medienunternehmer seine mediale Macht. ORF-Chef Alexander Wrabetz besuchte höchstpersönlich seinen Gegenspieler Fellner, um sich einen Eindruck von der neuen TV-Konkurrenz vor Ort zu machen. Seine Überraschung dürfte groß gewesen sein. Denn Fellner hat nur einen niedrigen einstelligen Millionen-Euro-Betrag eingesetzt, um in die Fernsehwelt einzusteigen.

Von einem Wohnzimmer großen Fernsehstudio, oberhalb des Newsrooms mit 170 Mitarbeitern, sendet er rund um die Uhr Nachrichten und viele Wiederholungen. Eine Kooperation mit CNN, die der aus Österreich stammende Time-Warner-Manager Gerhard Zeiler eingefädelt hatte, sichert Oe24.tv zudem erstklassige Nachrichten aus aller Welt rund um die Uhr.

Für den cleveren Unternehmer, der in Österreich viele Magazine erfunden und 2006 die Zeitung „Österreich“ gegründet hat, ist das Fernsehen eine mediale Wunderwaffe. Denn damit verlängert der lebensfrohe Wiener die Reichweite seiner Medien, allen voran die der Quasi-Gratiszeitung „Österreich“ – neben der „Krone“ das größte Massenblatt des Alpenlandes.


„Die Stimmung ist für Hofer”

Gegen Fellner kann in Österreich niemand reagieren. Deshalb gaben sich seit dem Senderstart im September die Mächtigen und die Gerne-Mächtigen die Klinke der Studiotür in die Hand: Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ), Außenminister Sebastian Kurz (FPÖ), FPÖ-Parteiführer Christian Strache und eben die Bundespräsidenten-Kandidaten.

Aus Sicht Fellners ist die für den 4. Dezember geplante Wahl des österreichischen Staatsoberhauptes praktisch schon gelaufen. „Die Stimmung ist für Hofer. Es steht 70 zu 30 für ihn“, sagt Fellner voraus, der stets ein feines Gespür für die Stimmung an den Stammtischen hat. Der Sieg des beinharten Rechtspopulisten zum ersten Staatsoberhaupt in Westeuropa hat Folgen: Zum einen fürchtet der Medienunternehmer einen weiteren Rechtsruck in Europa, zum anderen werde die österreichische Regierung nicht die volle Legislaturperiode bis Herbst 2018 durchhalten können.

Der Medienunternehmer macht sich große Sorgen: Denn die Zerrissenheit Österreichs wächst. Schon heute stehen sich in der politisch labilen Alpenrepublik zwei Blöcke beinahe unversöhnlich gegenüber: Der permanente Wahlkampf der Bundespräsidentenkandidaten verstärkt die Spaltung des Landes weiter. „Bei einem Sieg Hofers wird es noch am Abend Demonstrationen geben“, ist sich Fellner sicher.

Sollte das Wahlszenario mit Norbert Hofer als Bundespräsident eintreffen, wird auch sein nagelneuer Sender seinen großen Auftritt haben. Denn für CNN wird Oe24.tv dann die Bilder vom Ausgang der österreichischen Bundespräsidentenwahl liefern. Voraussetzung aus der Sicht der amerikanischen Partner von Fellner: „only if the Nazi guy wins“.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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