Der moderne Mann: Auf dem Weg zum Halbmarathon

Der moderne Mann: Auf dem Weg zum Halbmarathon

, aktualisiert 22. Januar 2016, 16:18 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. will gesünder leben und entdeckt den Sport. Denn er weiß: Wahre Leadership beweist man nicht mehr in der Kennerschaft von Rotwein-Jahrgängen, sondern mit dem eigenen Body-Mass-Index – und mit Disziplin.

Es ist nur ein Satz - aber der wird Folgen haben (mit zwei weiteren ist allein bei dieser Kolumne zu rechnen): "Schnabel trainiert Halbmarathon", sagt Koslowski beiläufig am Rande irgendeines Kick-off-Meetings, dessen Thema Herr K. schon wieder vergessen hat, als der Satz fällt.

Schnabel sitzt im Vorstand und hofft auf den Chefsessel, der noch immer von dem Mittsechziger Reschke besetzt wird. Schnabel ist ein drahtiger Bundeswehr-Leutnant der Reserve, St.-Gallen-Alumni, Ex-McKinsey-Mann … kurz: alles, was Herr K. nicht ist. Reschke aber auch nicht. Der hat vor 48 Jahren in der Firma angefangen… "als Lehrling". Mehr war nicht. Früher reichte das.

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Schnabel war schon für vier Weltkonzerne in fünf Ländern. Und das ist nur der Job. Er raftet, mountainbiked und freeclimbed (sind das eigentlich die korrekten Verbformen für Wildwasser-Gepaddel, Fahrradfahren und Klettern?). Außerdem hat er eine sehr junge Frau, die ihn jüngst zu veganer Ernährung und Ayurveda-Kuren gebracht hat. Man weiß das alles so genau, weil der Endvierziger selten übers Geschäft, aber viel über Fitness und "Health Management" spricht.

Deshalb hat Schnabel auch diverse Firmensportgruppen gegründet - es gibt mittlerweile sogar eine Dart AG, aber die versäuft ihr Budget gern heimlich im örtlichen Bowlingcenter. Im Keller des Unternehmens ließ er ein Fitnessstudio einbauen. Dort trainiert er indes meist allein. Wer will schon neben einem sportverrückten Karrieristen auf dem Laufband verenden? Also Herr K. nicht. Bisher.

Andererseits ist sein alter Vorstandschef Reschke wohl der exemplarische Vertreter einer untergehenden Ära: ohne Allüren, ohne Ambitionen, ohne Facebook-Account. Dafür mit Übergewicht und Bluthochdruckwerten gesegnet, die jungen Assistenzärzten kalten Schweiß zwischen die Schulterblätter treiben dürften. Reschke trinkt gern mal "ein Glas Roten oder zwei oder drei". Diese Bemerkung muss ein Vertreter der dritten Führungsebene wie Herr K. auch bei der zwanzigsten Wiederholung noch beschmunzeln.

So wie Reschke jedenfalls steigt man als Manager heute nicht mehr auf. Dynamik zeigt sich auch und gerade in Freizeitaktivitäten, Cholesterinwerten und sportlichen Höchstleistungen. Es ist ganz klar, dass Schnabels Halbmarathon quasi direkt zum Vorstandsvorsitz führen soll. Herr K. muss da endlich aufholen.

Wahre Leadership beweist man nicht mehr in der Kennerschaft von Rotwein-Jahrgängen, sondern mit dem eigenen Body-Mass-Index - und der korrekten Wahl der Disziplin.

Vorsicht bei Individualsportarten! Tennis war gestern. Das öde Rumgebolze "eins gegen eins" passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Oder wer spielt heute noch Squash? Es sind Sportarten, die den Egoismus der neunziger Jahre transpirieren.

Teamgeist ist heute gefragt. Nur: Welche Disziplin eignet sich dafür am besten? (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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