Der moderne Mann: Business Casual

Der moderne Mann: Business Casual

, aktualisiert 02. Juni 2017, 14:49 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. muss sich diesmal durch den Dschungel eines Führungskräftetreffens im Allgäu lotsen: Rudel, Alpha, Spa sind Programm. Von Firmenstrategie nicht die Bohne – dafür gibt es mehr zwischenmenschliches Wolfsgeheul.

Einmal im Jahr darf Herr K. zu einem Führungskräftetreffen seiner Firma. Sie waren früher schon an touristischen Hotspots wie der Mecklenburgischen Seenplatte und im Oberharz, wo der Kollege Timmermann beim Survival-Training fast verhungert wäre. Er war nachts „austreten“ gegangen und hatte nicht mehr zu ihrem Biwak unterhalb des Brockens zurückgefunden. 27 Stunden später fanden Wildhüter ihn in einem Erdloch. Er hatte sich von Regenpfützen ernährt und schon am Ölfilm seiner Barbour-Jacke genagt.

Seither finden die Treffen in ordentlich umzäunten Drei- bis Vier-Sterne-Hotels statt. „Wie war’s?“, fragt Herrn K.s Frau, als er nach zwei Tagen mit seiner Kleidertasche aus dem Allgäu zurückkehrt. „Wie ist es um die strategische Aufstellung der Firma bestellt?“ Haha, strategische Aufstellung am Arsch, hätte Herr K. da gern gesagt. Bei Führungskräftetreffen geht es um alles, nur nicht ums Geschäft. „Sondern?“, fragt seine Frau.

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Herr K. lässt sich müde auf die Couch fallen und fängt an zu erzählen: „Um Fragen wie: Was zieht man an, wenn ‚Business Casual‘ vorgeschrieben ist? Wieso ist die Neue aus dem Vertrieb am zweiten Morgen heulend in die Tiefgarage gerannt? Wer hat ein Suite-Upgrade, wer den Blick auf den Parkplatz? Wer duzt wen? Und kann man das Salz-Peeling im Spa-Bereich als Spesen einreichen? Die wichtigen Sachen eben.“

Der Terror gehe ja schon morgens los mit dem Sport-Gedöns: Berger aus dem Marketing kam Herrn K. vor dem Frühstück tropfnass in der Lobby entgegen. Er hatte bereits zwei Gipfel abgelaufen und einen Bergsee durchschwommen, weil er für einen Triathlon auf Island trainiert. „Und beim Essen schauen sie dich schon komisch an, wenn du eine Müslimischung nimmst. Die Stibbenbrook hatte sich ihre Kurkuma-Spargel-Smoothies vorher alle in ihrem Zimmer selbst püriert.“

Danach begrüßte der alte Reschke die vielen neuen Fachkräfte, deren Jobprofile ihm seine Sekretärin in einer Art Lautschrift aufschreiben muss: „Solveig Müller – Tschief Ditschitl Sienjor Ädweisa im Ämploja Brending.“ Ist ja auch nicht leicht, aber so etwas erfährt nur, wer in den Kaffeepausen in den richtigen Rudeln der richtigen Alphawölfe steht. Wer dort länger als zehn Minuten allein ist, hat dagegen den Schuss noch nicht gehört und wird sich ein halbes Jahr später „in bestem Einvernehmen neuen Herausforderungen zuwenden.“ Andererseits: Wer abends beim Bar-Absacker mit Mineralwasser erwischt wird, gilt als Spaßbremse. Wer zu viel säuft, war schon immer ein hoffnungsloser Alki.

„Klingt anstrengend“, sagt Herrn K.s Frau. „Ist es“, sagt Herr K. „Und worum ging’s offiziell wirklich?“, will sie wissen. „Ach, um das, worum es schon seit Jahren geht: Disruption, Wandel, Tralala.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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