Der moderne Mann: Das Leben nach Air Berlin

Der moderne Mann: Das Leben nach Air Berlin

, aktualisiert 03. November 2017, 14:52 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Die letzte Air-Berlin-Maschine ist gelandet. Herr K. kann die allgemeine Trauer um die insolvente Airline nicht verstehen. Am Flughafen sieht er sich derweil viel gravierenderen Problemen ausgesetzt.

Air Berlin ist pleite, ja, ja. Ende vergangener Woche konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Bundespräsident als Nächstes noch flächendeckende Schokoherzen-Grundversorgung anordnen würde. Herr K. kann die grassierende Staatstrauer nicht ganz teilen, wenn er sich an all seine Flugannullierungen erinnert. Außerdem: Das Leben geht ja weiter.

Es ist noch dunkel, als er am Morgen nach dem allerletzten Air-Berlin-Flug am Flughafen angehetzt kommt. Sein nachtblauer Rollkoffer fliegt eher hinter ihm her, als dass er rollt. Normalerweise plant Herr K. mittlerweile eineinhalb Stunden „Puffer“ fürs Boarding ein. Diesmal hat er schlicht verschlafen. Das rächt sich jetzt, denn der innerdeutsche Flugverkehr hat neuerdings ein besonders raffiniertes Nadelöhr. Herr K. sieht es bereits auf sich zukommen.

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Bislang musste als Verspätungsgrund ja vieles herhalten. Krankes Crewmitglied, Schlechtwetterfront über den Antillen, ein blinkendes Warnlämpchen im Cockpit oder überhaupt: Maschine-kaputt, Maschine-kommt-zu-spät-aus-Warschau-rein, Maschine-fertig-aber-Bus-noch-nicht-da. Jetzt gibt es eine neue, prachtvolle Ursache: unterbesetzte Sicherheitskontrollen.

Die dort tätigen Sub-sub-Unternehmen haben letztlich hoheitliche Aufgaben zu erfüllen: schlecht gelaunt Plastikwannen mit Koffern und Hartgeld hin und her schieben, Unbekannte begrapschen und mit Hilfe schlichter Textbausteine die öffentliche Sicherheit gewährleisten: „Gürtel raus!“, „Flüssigkeiten?“, „Wir machen auch nur unsere Arbeit“.

Als es in den Staus vor den Scannern zu ersten Gewaltexzessen kam, wurde kein zusätzliches Personal eingestellt, sondern ein kilometerlanger Slalomkurs mit Absperrbändern abgesteckt. An dessen Ende steht Herr K. nun und hat zwei Möglichkeiten, seinen Eurowings-Flieger noch zu erreichen:

Entweder er läuft an allen vorbei bis ganz nach vorne und fleht dort den Ersten in der Schlange an, ob er ihm – bitte, bitte – den Vortritt lassen könne, weil sonst „Flieger weg“ und „noch nie passiert – ehrlich“. Oder er fragt sich von hinten durch... jeden der gefühlt 350 Reisenden einzeln: „Sorry, dürfte ich vielleicht“ und „Mach ich sonst nie – echt“. Herr K. wagt weder das eine noch das andere, zumal er weiß, dass er so oder so schnell an den Falschen geraten würde. Irgendwo lauert immer ein Rentner in Multifunktionsjacke, der sofort anfinge: „Aaah, der feine Herr Business-Reisende ist natürlich was Besseres, gell?!“

Also bleibt Herr K. in der Schlange stehen. Es dauert auch nur 83 Minuten, bis er am Gate ankommt. 20 Minuten zu früh, denn die Eurowings-Maschine kam am Vorabend zu spät aus Warschau rein. In diesem Moment geht bei Herrn K. ein Warnlämpchen an. Er hat seinen Koffer bei der Security vergessen, wo er immerhin einen neuen Textbaustein lernt: „Ist schon im Fundbüro. Müssen Sie halt wieder raus und von vorn anfangen.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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