Der moderne Mann: Der letzte Raucher

Der moderne Mann: Der letzte Raucher

, aktualisiert 08. April 2017, 14:47 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K.s Kollege raucht – immer noch. Einsam aber unverdrossen pflegt er im Glaskasten die Liebe zum Glimmstängel und zu Bob Dylan. Ganz kann sich Herrn K.s Kollege dem Fortschritt dann aber doch nicht entziehen.

Büdenbender ist im Herzen ein Rocker. Und weil er ein Rocker ist, raucht er natürlich. Wenn Herr K. morgens in die Firma kommt, steht Büdenbender schon in seiner an den Seiten zugekordelten schwarzen Lederhose und zieht unterm Glasdach am Foyer seine erste oder zweite Zigarette rein. Überhaupt haben sich die Eingangssituationen größerer Unternehmen ja in eine Art Drogenstrich verwandelt, seit drinnen nicht mehr geraucht werden darf. Sicher gibt es auch bei Siemens und Zalando längst interne Arbeitskreise, die direkt an den Vorstand berichten und sich überlegen, wie man den lümmelnden Nikotin-Mob wegkriegt, der dort in schlammfarbener Outdoor-Bekleidung die Corporate Identity versaut.

Büdenbender hat das alles stoisch ertragen, seit er mit 16 angefangen hat zu rauchen. Wie sein Idol Bob Dylan, der sein grandioses Album „The Times they are a-changing“ schon in Büdenbenders Geburtsjahr veröffentlicht hat. Irgendwann war Rauchen nicht mehr cool, sondern krebserregend. Die Welt drehte sich, Büdenbender rauchte weiter. Als er das Gesundheits-Geschwätz seiner Frau nicht mehr aushielt, versuchte er es kurz mit Mentholzigaretten. Dann kehrte er zu seinen Filterlosen zurück, trennte sich dafür aber von seiner Frau.

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Mittlerweile rangiert der gesellschaftliche Status von Rauchern irgendwo zwischen Chiara Ohoven und Jabba the Hutt. Büdenbender ist das egal. Er hat sich ebenso daran gewöhnt wie an seinen rasselnden Husten und die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln. Herr K. fragt sich allerdings schon, wie die Werber das den Vorständen bei Reemtsma oder Philip Morris noch hübsch oder gar trendig verkaufen wollen. Er stellt sich vor, wie auf internen Meetings neue Pflicht-Fotos von Raucherlungen und Lippen-Ekzemen präsentiert werden. Und wie dann ein Werber mit pinkfarbener Brille und Pferdeschwanz (gute Werber machen ja schon lange nicht mehr in Zigaretten) erklärt: „Also wir würden die Awareness am Point of Sale gern ironisch brechen mit neuen Motiven von Großmetzgereien und Autounfällen. Claim: Sterben müssen wir alle.“

Apropos: Hat Brüssel als Nächstes die Autoindustrie im Visier? Man stelle sich neue Mittelklasse-Limousinen illustriert wie Zigarettenschachteln vor. Nur nicht bedruckt mit Krebsgeschwüren, sondern Motiven tödlicher Verkehrsunfälle. Wer ist als Nächstes dran? Wurstesser? Biertrinker? Werden Schokoriegel bald mit Bildern fetter Kinder aus Problemvierteln dekoriert?

Herr K. hat plötzlich ein bisschen Mitleid mit Büdenbender, wie er da einsam in seinem Aquarium nach Luft schnappt. „Mensch, Büdenbender“, erschrickt Herr K. „Sie rauchen jetzt E-Zigaretten?“ „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt Büdenbender. Dylan soll ja auch aufgehört haben. Er macht jetzt Sport und nimmt sogar Nobelpreise entgegen. The Times they are a-changing.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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