Der moderne Mann: Ehrenrettung für den deutschen Stammtisch

Der moderne Mann: Ehrenrettung für den deutschen Stammtisch

, aktualisiert 18. März 2016, 16:19 Uhr
von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Gibt es eigentlich noch den deutschen Stammtisch? Herr K. war nie ein Fan von diesen regelmäßigen Treffen mit alkoholischem Begleitprogramm. Was früher der deutsche Stammtisch war, sind heute für ihn die „Elterntreffs“.

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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Was ist eigentlich aus dem deutschen Stammtisch geworden? Ausgerechnet dieses archaische Symbol geselligen Networkings ist fast vollständig von der Landkarte männlicher Fluchtpunkte verschwunden.

Herr K. bedauert das zwar nicht sonderlich, denn er weiß noch, in welchem Zustand sein eigener Vater von seinem sonntäglichen "Frühschoppen" nach Hause kam. Aber so, wie sich zum Beispiel Supermärkte, TV-Komiker oder Kücheneinrichter in den vergangenen Jahren den veränderten Konsumentengeschmäckern angepasst haben, hätte sich doch auch der deutsche Stammtisch neu erfinden können, nein?

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Herr K. steht am Eingang von "Uschi‘s Veggie-Bistro" und muss da jetzt rein. Aber er grübelt noch übers Grundsätzliche. Vielleicht merkte der deutsche Stammtisch gar nicht, dass er irgendwann nur noch als Mahnmal knochenkonservativer Bierdimpfeligkeit taugte, eine Art geistige Tiefflugschneise im Eiche-furniert-Dekor. So beschrieb es zumindest jene "Lügenpresse", die am deutschen Stammtisch ja auch hätte erfunden werden können. Mit der Floskel "an deutschen Stammtischen" begannen jedenfalls irgendwann nur noch Geschichten über die intellektuelle Butzenscheibigkeit der Republik.

Dabei war der deutsche Stammtisch bereits verschwunden, bevor er politisch hätte aktiv werden können. AfD, Pegida oder die Idee des Schusswaffengebrauchs an deutschen Grenzen - das hat sich alles ja kein deutscher Stammtisch ausgedacht. Herr K. kann sich im Übrigen nicht erinnern, dass jemals irgendwo ein authentischer deutscher Stammtisch zu Wort gekommen wäre. Er war eher Klischee und latenter Vorwurf.

An deutschen Stammtischen wurde demnach angeblich gern die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert oder einfach nur: "Geh doch rüber!", wenn der einzige geduldete Sozialdemokrat in der Runde Zweifel an der CDU äußerte. "Rüber" gibt‘s eh nicht mehr. Die DDR ist verschwunden. Es raucht auch niemand mehr, und Bier hat als Rauschdroge viel Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Regelmäßige Treffen mit alkoholischem Begleitprogramm gönnen sich eigentlich nur noch Ortsgruppen sogenannter Volksparteien oder Rotarier beziehungsweise Lions Club. Herr K. ist sich sicher, dass es die alle als Nächstes erwischen wird.

Aber er muss jetzt endlich da rein, auch wenn es ihm nicht nur vor "Uschi‘s" Veggie-Burgern graut. "Huhu!", kreischt der Vater von Jasper-Emanuel im lindgrünen Pullunder schon von weitem und prostet Herrn K. mit einer Rhabarberschorle zu. Neben ihm sitzt die Elternbeiratsvorsitzende mit dem patenten Kurzhaarschnitt und stochert in einem Radicchio-Salat. Der Rest sind acht bildungspolitisch sehr aktive Ehepaare, die schon hyperventilieren, wenn es in der Schulkantine keine Sojamilch gibt.

Alle hier verachten den "deutschen Stammtisch". Und alle hier sind zugleich Repräsentanten seiner schlimmsten Mutation: des "Elterntreffs". Herr K. bestellt erst mal ein Bier, obwohl er das sonst nie trinkt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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