Der moderne Mann: Entzug vom Smartphone

Der moderne Mann: Entzug vom Smartphone

, aktualisiert 28. April 2017, 14:47 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Quelle:Handelsblatt Online

Herrn K. werden allerlei Dinge vorgehalten. Nicht von irgendwem – von seiner Frau. Und nicht irgendwelche – seine digitale „Nabelschnur“ zur Außenwelt. Er neigt zur Verhaltensauffälligkeit. Seine Frau schreitet ein.

Herr K. will sich digital entgiften. Oder besser: Seine Frau hat beschlossen, dass er das will. Er selbst ist sich nicht ganz sicher, möchte es aber auch nicht auf weiteren Ärger ankommen lassen, nachdem er an Ostern gewisse Verhaltensauffälligkeiten gezeigt hatte: Als sie ihm irgendwann das Handy abnahm, saß er eine Stunde lang im Esszimmer und wischte mit beiden Daumen so lange über die Tischkante, bis seine Fingerkuppen anfingen zu glühen. Es öffnete sich aber auch dann keine App im Holz.

„Entgiftung würde ja bedeuten, dass ich vergiftet bin“, versucht Herr K. einen letzten schlappen Widerstand. „Biste ja auch“, sagt seine Frau. „Den ganzen Tag Mails checken, SMS schreiben, deine Betriebs-WhatsApp-Gruppe betüttern, nach dem Wochenendwetter im Hochsauerland schauen, Flüge buchen, Aktienkurse verfolgen, myTaxi bestellen, deine Herzfrequenz kontrollieren, Youtube-Videos gucken, QR-Codes auf Saftflaschen scannen...“

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„Man hätte bei dem Gewinnspiel immerhin zehn Kisten Cranberry-Litschi-Spargel-Saft gewinnen können“, sagt er, worauf sie ungerührt fortfährt: „Twitter laden, Fotos machen, Apps downloaden, sinnloses Wikipedia-Wissen abrufen, Newsticker konsumieren, wenn in China kein Sack Reis umfällt, Angry Birds spielen, nach der nächsten Notfallapotheke suchen, die du nicht brauchst…“

„Ich hab’s jetzt verstanden“, sagt Herr K. und schaut aus dem Autofenster. Er weiß nicht, wohin sie ihn fährt, aber er hofft, dass es keine Smartphone-Entzugsklinik ist. Womöglich in einem abgeschiedenen Zipfel des Hochsauerlands, in dem er sich gar nicht auskennt. Er hat ja auch nur deshalb danach gegoogelt, weil Koslowski neulich gesagt hat… na egal, seine Frau ist noch nicht fertig.

„Beim Ostergottesdienst hast du per Shazam rauskriegen wollen, wie das Lied heißt – und dich dann auch noch übers fehlende WLAN in der Kirche beschwert“, ruft sie. „Und du hältst dich noch für normal?“ Er sagt jetzt nicht, dass halt die blöde App „Christ ist erstanden“ nicht erkannte, denn seine Frau hat noch eine Anekdote parat: „Ganz zu schweigen davon, dass du auf der Autobahn die Staulage des Navis mit der bei Google Maps im Handy vergleichen wolltest.“

„Was war denn daran falsch?“, will er wissen. „Dass du diesen Quatsch bei Tempo 180 probiert hast und wir schon die Grasnarbe des Seitenstreifens rasierten, als dir das selber aufgefallen ist.“ Herr K. findet, dass er ein sehr bewusster und defensiver Fahrer ist, aber das ist jetzt auch egal.

Seine Frau parkt den Wagen. Immerhin stehen sie weder im Hochsauerland noch an einer Klinik, sondern vor ihrer kleinen Stadtteil-Buchhandlung. „Was soll das denn?“, fragt Herr K. „Tjahaa“, triumphiert seine Frau. „Aussteigen!“ Jetzt wird’s echt analog, fürchtet Herr K. (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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