Der moderne Mann: Haben Sie zwei Minuten Zeit?

Der moderne Mann: Haben Sie zwei Minuten Zeit?

, aktualisiert 09. Dezember 2016, 13:49 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. findet es lästig, dass er heutzutage alles bewerten muss. Ganz egal, ob er im Steakhaus sitzt, in den Urlaub fährt oder einfach nur etwas bei Amazon bestellt – so richtig kann er deshalb nichts mehr genießen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass der Konsument in modernen Dienstleistungsgesellschaften nichts mehr genießen kann, aber alles bewerten soll? Herr K. sitzt kaum in einer Filiale der Steakhaus-Kette seines Vertrauens, da kommt eine studentische Aushilfskraft und legt ihm so einen QR-Code neben das Besteck. „Das können Sie mit Ihrem Handy einscannen und dann alles bewerten … Essen, Wartezeiten, mich.” Sie lächelt. Herr K. findet das gruselig, sagt „toll” und bedankt sich.

Er erinnert sich an seinen letzten Urlaub: Mit seiner Familie war er noch gar nicht richtig angekommen, da hatte er schon Mails von Mietwagenfirma, Hotel, Airline und Reiseportal, er möge doch ihren Service beurteilen. „Bitte nehmen Sie sich zwei Minuten Zeit!”, heißt es meist ganz harmlos. Manchmal ist es ja auch einfach. Auf Flughafen-Toiletten zum Beispiel hängt am Ausgang immer öfter ein Display, auf dem man zwischen drei Smileys wählen kann. Rot, Gelb, Grün. Wie eine Ampel. Versteht man sofort. Bei anderen Gelegenheiten gibt es leider Online-Beurteilungsbögen, die an universitäre Abschlussarbeiten erinnern (und vielleicht auch sind).

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„Haben Sie mich schon beurteilt?”, will die Kellnerin wissen, als sie sein Geschnetzeltes bringt. „Nee, ist das denn so wichtig?”, fragt Herr K. „Schon”, lächelt die Kellnerin gequält. Herr K. glaubt, dass die neue Noten-Doktrin einst mit den Büchern bei Amazon begann: fünf Sterne für Weltliteratur, ein Stern für „Taugt nur unterm wackligen Esszimmer-Tisch”. Totale Transparenz. Kunde ist König und so. Dann kam alles andere dazu – von Gebrauchtwagen über Ärzte bis zu Thermomix-Rezepten und osteuropäischen Bestattungsunternehmen.

Blöd ist nur: Wenn man dann mal ehrlich antwortet, ist es auch nicht recht. Herr K. erinnert sich an die Bestellung einer Handyhülle in Pandabären-Form … klar, war albern, aber ja auch für seine 16-jährige Tochter. Auf die Lieferung wartete er zwei Monate, am Ende hatte das Panda-Plastikohr einen Knick. Dafür gab’s online einen Stern und auch den nur – schrieb er sich in Rage -, „weil man keine Minussterne verteilen kann”. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er eine Mail hatte von dem Sub-Sub-Unternehmer des Hongkonger Handyhüllen-Lieferanten aus Zschopau, der für den Vertrieb zuständig ist. Ob Herr K. eigentlich auch nur ahne, dass er mit solchen Bewertungen Existenzen zerstört?

Tja, wohin führt das, wenn alle jederzeit alles beurteilen müssen? Die Kellnerin kommt mit der Rechnung: „Wenn Sie mich nicht bewerten, dann krieg‘ ich … na ja … eine schlechte Bewertung, weil ich zu wenig Bewertungen rangeschafft habe, verstehen Sie?” Herr K. seufzt und fängt an. Sonst kriegt er am Ende von ihr noch eine schlechte Note als Kunde.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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