Der moderne Mann: Hitler oder Mutter Teresa

Der moderne Mann: Hitler oder Mutter Teresa

, aktualisiert 25. November 2016, 14:33 Uhr
Bild vergrößern

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Verstehen die Eliten tatsächlich das Volk nicht mehr? Herr K. will etwas dagegen tun. Der winzige Kiosk in seiner Straße ist der ideale Ort dafür. Denn dort hofft er, die unverfälschten Stimmen des Volkes zu hören.

Alle sind jetzt gegen Eliten, auch die Eliten. Sie verstehen das Volk nicht mehr, die Eliten, heißt es nach Brexit und Trump allerorten. Herr K. will das ändern. Im Kleinen. Den Dialog aufnehmen. Das scheint jetzt wichtig, um bei der nächsten Wahl nicht selbst unter die Räder zu kommen. Deshalb steht er jetzt in dem winzigen Kiosk seiner Straße herum und wartet darauf, seine „Bild” bezahlen zu dürfen. „Bild” hält er für unverdächtiger als „Spiegel” oder „Manager-Magazin”, womit er sich noch täuschen wird, aber egal. Er ist davon überzeugt, hier die unverfälschten Stimmen des Volkes zu hören. Der Kiosk enttäuscht ihn nicht.

Die Rentnerin mit dem Rollator vor ihm findet „diesen Trump” toll: „Endlich ein Mann mit Format.” „Ändert sich doch nix”, mault der Kioskbesitzer. „Alle gleich.” Ein Arbeiter im Blaumann ruft aus der Lotto-Ecke, die gehörten „alle an die Wand gestellt wie bei meinem Großvater. Und dann ratatatatatata.”

Anzeige

„Nicht hinhören”, sagt der schnauzbärtige Kioskbesitzer. „Der Typ ist ein bisschen irre.” Der Blaumann schreit sich in Rage: „Alles Lügenpresse ... auch die ‚Bild‘. Isch les‘ nur noch Internet.” Herr K. legt die Boulevardzeitung vorsichtig zurück und raunt über den Tresen: „Na ja, aber wahrscheinlich ist ja was dran, oder? Unverfälscht eben.”

„Ihr Deutschen seid schon komisch: Früher wart ihr Hitler, heute haltet ihr euch meist für Mutter Teresa”, antwortet der Kioskbesitzer, Herr Erbakan, ein türkischstämmiger Einwanderer der zweiten Generation. Sehr integriert, das muss man sagen. Herr Erbakan ist deutscher als viele Deutsche, findet Herr K., deshalb ist er ja jetzt hier. „Also, was wollen Sie wissen?”, fragt Herr Erbakan verschwörerisch: „So über den kleinen Mann? Wie er tickt?”

Herr K. nickt unsicher. „Tja, wie tickt der?”, lacht Herr Erbakan. „Todesstrafe für Kinderschänder, die Berliner Politiker alle weg ... als Erstes natürlich Claudia Roth, Renate Künast und Angela Merkel. Die hat uns den ganzen Quatsch doch überhaupt erst eingebrockt. Denn sind wir mal ehrlich: 90 Prozent dieser ‚Flüchtlinge‘” – hier schnippt Herr Erbakan die Anführungsstriche in die Luft –, „90 Prozent von denen sind so integrationsfähig wie Fleischwolf in Salatbüfett. Und unsere Frauen und Töchter trifft‘s als Erstes. Da braucht‘s endlich einen neuen Füh ... also Führung!” Herr K. flirrt ein wohliger Grusel über den Rücken, als er sich verabschiedet. Er wird viel zu diskutieren haben in der Kantine.

Als er draußen ist, schmunzelt Herr Erbakan: „Und das Komischste an euch Deutschen: Ihr glaubt immer alles. Hauptsache, es klingt nach Weltuntergang.” (Fortsetzung folgt)

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%