Der moderne Mann: Kleiner Mann – was nun?

Der moderne Mann: Kleiner Mann – was nun?

, aktualisiert 18. November 2016, 14:24 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. macht sich Sorgen um die Zukunft. Nach US-Präsidentschaftswahl denkt er darüber nach, was sich alles in der Welt verändern könnte. Er fragt sich: Dreht nach Großbritannien und den USA bald auch Deutschland durch?

Seit der Immobilienunternehmer Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, macht sich Herr K. gewisse Zukunftssorgen. Nicht weil Herr Trump jetzt der Nato den Krieg erklären, jeden Morgen einen Moslem verspeisen oder eine Mauer zu Mexiko bauen könnte. Davor wird ihn schon irgendwer zurückhalten. Oder?

„Die Amerikaner sind komisch”, sagt seine Frau. „Sie zünden das halbe Morgenland an, neigen zur Fettleibigkeit und knüllen Toilettenpapier, statt es zu falten. Jetzt haben sie eben einen Vollpfosten als Regierungschef.” Sie hat kein Mitleid. Was indes Herrn K. sehr zu denken gibt: Es heißt jetzt immer, dass Herr Trump die Rache am Establishment sei. Und wer ist, bitte schön, mehr Establishment als Herr K.?

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Er ist Führungskraft im mittleren Management, Mitte 40, Akademiker, solvent, Besitzer eines Eigenheims mit Fußbodenheizung, Induktionsherd und Roche-Bobois-Sofas. Werden also auch er und seine Familie bald weggefegt vom Sturm der Geschichte? Trampeln bald arbeitslose Eiferer aus dem Bildungsprekariat im Auftrag der AfD den Rasen-Roboter in seinem Garten nieder und fackeln die Doppel-Garage mit dem teuren Hörmann-Rolltor ab? Kurz: Dreht nach Polen, Ungarn, Großbritannien und den USA bald auch Deutschland durch?

Das mit dem Establishment ist eine komische Sache. Herr K. dachte bislang, dass der Immobilien-Milliardär Trump auch dazugehört: weiß, männlich, alt, reich. Mehr Establishment geht doch nicht. Aber anscheinend gibt es mehrere Establishments. Je nachdem, wer gerade wen attackiert, wird das immer anders definiert.

Richtig gefährlich wird die ganze Chose dadurch, dass dieses Establishment das Volk angeblich nicht mehr versteht. Deshalb ist das Volk jetzt sauer und wählt Menschen wie Trump. Herr K. denkt nach. Wer ist denn in seinem Bekanntenkreis bitte Volk? Oder „kleiner Mann”, der nun auch gern ins Feld geführt wird? Er kennt keine kleinen Männer außer den einen in Hans Falladas gleichnamigem Roman „Kleiner Mann – was nun?”. Wobei Bildung zurzeit auch verdächtig nach Establishment klingt. Andererseits: Wenn Herr K. mit AfD-Positionen sympathisieren würde, wäre er dann nicht selber plötzlich ein kleiner Mann, dem vorher niemand zugehört hat?

Er hat also die Wahl: Entweder er versteht sich als Teil einer bedrohten Elite, deren Tage gezählt sind, oder als Vertreter jener Idioten, die bald die Macht übernehmen. Berechenbarer Langweiler oder ebenso dunkle wie doofe Bedrohung?

Er entscheidet sich dann doch lieber für das Establishment, will sich aber auch nicht länger sagen lassen, er verstehe das Volk nicht. Dann fällt ihm endlich ein, wen er fragen könnte: Wenn einer ein „kleiner Mann” ist, dann der Kioskbesitzer in seiner Nachbarschaft (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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