Der moderne Mann : Landluft macht high

Der moderne Mann : Landluft macht high

, aktualisiert 09. September 2016, 17:39 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. befindet sich mit seiner Familie auf einem Bauernhof. Bei dem Ausflug nimmt er die Wirtschaft der Milchtankstelle genauer unter die Lupe – und entdeckt die Ökonomie und den Geschäftssinn der Milchbauern.

Was das Thema Ernährung angeht, hat Herr K. es aufgegeben, irgendeinen Sinn ergründen zu wollen. Bei fleischloser Fleischwurst ebenso wie beim Boom sogenannter "Milchtankstellen", dem neuen, großen Ding der hiesigen Landwirtschaft. Es ist Samstagfrüh, und er steht mit seiner Familie auf einem Bauernhof herum. "Hier riecht‘s aber komisch", sagt sein sechsjähriger Sohn.

Wenn Herr K. es richtig versteht, ist die Milchtankstelle die Rache der Bauern an bösen Discountern und Niedrigstpreisen. Es geht um alles: Nachhaltigkeit, Regionalität, sehr authentischen Gestank und natürlich Direktvermarktung. Keine Umwege - wenn man von den 20 Kilometern absieht, die sie extra hier rausfahren mussten. Das war eben in der Umgebung der erste Hof, der über eine eigene Homepage verfügt. Man will ja auch nicht jede Hinterwäldler-Butze ansteuern.

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Herr K. hat durchaus Erfahrung mit solchen Öko-Trips. Er erinnert sich an die "Baum-Patenschaft", die ihn ein paar Hundert Euro gekostet, die Familie aber auch irgendwie glücklich gemacht hat. Ein Nebenerwerbslandwirt namens Dirk überreichte ihnen damals feierlich eine Urkunde. Dann durften sie auf einer Streuobstwiese "ihren" Apfelbaum umarmen und einmal im Jahr zur "Ernte" kommen. Dazu verkaufte Dirk ihnen noch ein Weidenkörbchen, Apfelsaft-Becher und drei Einweck-Gläser Gelee. Made in Poland.

Ein andermal hat Herr K. eine Woche Heu geerntet im Bayerischen Wald. Entschleunigungs-Kur. Pro frugalen Vollpensions-Tag im Vier-Sterne-"Hideaway" hat er mehr bezahlt, als osteuropäische Erntehelfer für die gleiche Arbeit an Wochenlohn bekommen hätten. Ein wirklich schlauer Bauer.

Jetzt also Milchtankstelle: ein Euro pro Liter, viel gutes Gewissen inklusive. Sie stehen in einer Art Gartenhäuschen mit Stahltank. "Wo hat diese Milch eigentlich ihr Haltbarkeitsdatum, ey?", fragt Herrn K.s Tochter. "Und ist die pasteurisiert?" Herr K. schaukelt genervt mit der bereits gekauften Glasflasche. Soll er jetzt oder nicht? In diesem Moment kommt sein Sohn von Großparkplatz 2F angerannt, an "Dorfcafé", "Streichelzoo" und "Maislabyrinth" vorbei. "Hier gibt‘s Pokestops!", kreischt er fröhlich.

Da weiß Herr K., dass er auch nächsten Samstag an der Milchtankstelle steht und sich um die Zukunft deutscher Landwirte keine Sorgen mehr machen muss. Die Original-Milch wird er später heimlich wegschütten und durch laktosefreie H-Milch aus dem Supermarkt ersetzen. So haben am Ende verrückterweise alle gewonnen. Was das Thema Wirtschaft angeht, hat Herr K. es aufgegeben, irgendeinen Sinn ergründen zu wollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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