Der moderne Mann: Mails nur noch werktags

Der moderne Mann: Mails nur noch werktags

, aktualisiert 21. April 2017, 15:03 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Kalter Entzug für Herrn K. – über Ostern gibt es Mail-Verbot. Nicht nur von der Frau, sondern auch noch von der Firma! Wie soll ein Mann das nur aushalten? Eine Entgiftungs-Geschichte mit Cliffhanger.

Schwarz ist das neue Weiß. 50 ist das neue 30. Und Offline ist das neue Online. In Herrn K.s Firma gilt seit vergangener Woche die Direktive, dass man abends, an Feiertagen und Wochenenden keine Mails mehr schreiben soll. Insofern wurde Ostern für ihn zu einer viertägigen Mischung aus kaltem Entzug und Work-Life-Balance auf die ganz harte Tour.

Schon Karfreitag fühlte sich falsch an. Wieso sollte er nicht morgens die üblichen Dreizeiler-Nörgeleien an die zwei Sub-Sub-Unternehmer in Chennai oder das Callcenter in Izmir schicken, wo Themen wie Arbeitszeiten oder Freizeitausgleich ohnehin nicht sonderlich verbreitet sind? Herr K. will sich aber auch nicht von der eigenen IT erwischen lassen.

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Deshalb las er beim Nachmittagsspaziergang zwar die eingehenden Mails, beantwortete aber keine und wischte lediglich nervös „Merken“ übers Display. „Kannst du das Ding nicht ein ein-zi-ges Mal auslassen?“, fragte seine Frau, was er ungerecht fand, weil die digitale Diät offenbar nicht für seine beiden Kinder galt, die weiter spotifyend durch den Park stolpern durften. An Entspannung war jedenfalls nicht zu denken, aber die erste Prüfung kam am Ostersamstag.

Koslowski schickte eine SMS: „Und, mailtechnisch schon ordentlich entgiftet?“ Eine Falle, Herr K. spürte es durch alle Zwinker-Smileys hindurch. Wenn er auch nur „Klar, und wie!“ geantwortet hätte, wäre Koslowski, die alte Controlling-Stasi, sofort zu Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand gerannt und hätte ihn verpetzt. Den Abend über tigerte Herr K. ziellos im Esszimmer hin und her, schlug diverse Male den Kopf an kostspielige Inneneinrichtung und blaffte grundlos seine Kinder an.

Wer keine Mails mehr bekommt/verschickt, wird unwichtig. Wer unwichtig wird, entscheidet nicht mehr mit. Wer nicht mehr mitentscheidet, wird ersetzt. Wer ersetzt wird, kann seiner Familie irgendwann keine neuen iPhones, Ugg Boots und Drittautos schenken. So einfach ist das.

Am Ostersonntag wurden Herrn K.s Übersprungshandlungen immer bizarrer: Er las das Kleingedruckte in Mails von otto.de, rief weit entfernte Verwandte an, um mit ihnen die Sicherheitslage in der Osttürkei zu debattieren und bestellte via Handy mehrere Zimmerspringbrunnen beim Homeshopping.

Am Montag gab seine Frau auf. Der ausgehandelte Kompromiss: Herr K. durfte alle notwendigen Mails schreiben, aber erst nach Ostern verschicken. Fünfeinhalb Stunden lang schrieb er sich die Fingerkuppen wund und drückte um exakt 0.01 Uhr Dienstagfrüh auf den Sende-Button. Die ersten Antworten kamen übrigens um 0.03 Uhr. „Wir müssen dich digital entgiften“, sagte seine Frau. „Nächste Woche fangen wir an.“ Herrn K. schwante nichts Gutes. Aber es sollte schlimmer kommen (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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