Der moderne Mann: Meyer macht das Licht aus

Der moderne Mann: Meyer macht das Licht aus

, aktualisiert 15. Juli 2016, 11:23 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. muss neuerdings wieder Gebühren für sein Girokonto zahlen und will das bei seiner Bank klären. Dort trifft er das personifizierte Elend der globalen Finanzbranche und merkt: Den Geldhäusern geht es schlecht.

Den Banken geht es schlecht. Das ist als Einstieg für eine Kolumne in etwa so überraschend wie der Satz „Gestern war Wetter“ oder „Europa hat Probleme“. Es ist nur so, dass das personifizierte Elend der globalen Finanzbranche gerade vor Herrn K. steht: Es heißt Herwig Meyer und kommt aus einer Zeit heran, als Banker noch „Schalterbeamte“ hießen, Lederkrawatten trugen und zum Weltspartag Sammelalben verteilten mit „Tieren deiner Heimat“.

Seither ist viel schiefgegangen für die Branche, diese Bank und Herrn Meyer, denn der sieht nicht gut aus. „Der Blutdruck“, erklärt Herwig Meyer ungefragt. Einige Tage vorher war Herr K. schon einmal da. Dabei entspann sich folgender Dialog mit einer von Meyers Kolleginnen. Herr K. begann:

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„Ich möchte eine Beschwerde loswerden.“

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein, ich dachte, Filialen sind dazu da, dass man einfach mal vorbeikommt, um mit einem Menschen zu sprechen.“

„Nicht mehr, guter Mann! Nicht mehr! Aber der war gut.“

„Wozu gibt es Sie denn dann noch?“

„Zum Terminemachen.“ Ihr Blick war voll glasiger Bitterkeit.

Nun sitzt er also mit Herwig Meyer in einem fensterlosen Konferenz-Kabuff, in dem früher Bausparverträge und Immobilien-Finanzierungen unterschrieben wurden. Die Hydrokultur hat ebenso Staub angesetzt wie das curryfarbene Prospektständer-Gerippe. Auf dem Tisch eine graue Pappkladde, die aussieht, als liege darin eine in Sütterlinschrift notierte Aufstellung von Herrn K.s Finanz-Eckdaten. Herr K. möchte darüber reden, dass er neuerdings wieder Gebühren zahlen soll für sein Girokonto.

Dass er sein Geld auch in Einweckgläsern lagern könnte angesichts der Nullzinsen. Und dass seine Bank ihn dauernd für blöd verkauft, wenn sie ihm Onlinebanking nun als viel bequemer darstellt, statt einfach mal zuzugeben: „Kostet uns weniger!“

Herwig Meyer lächelt milde. Er ist ganz offenkundig über das Stadium hinaus, sich noch über irgendetwas empören zu wollen. Dann fängt er einen kleinen, traurigen Monolog an, der bei US-Immobilienkrediten beginnt, Lehman und die Finanzkrise ebenso streift wie die EZB und ihren „Totengräber“ Mario Draghi, um schließlich über die neue Bedrohung Fintechs (das können Sie jetzt selbst googeln) wieder zu sich und seiner Filiale zurückzukehren.

„Wir waren hier mal zwölf Kollegen. Zwölf! Bald bin ich der Letzte, der das Licht ausmacht“, sagt Herwig Meyer. „Und uns wird gesagt, dass wir ‚negatives Wachstum‘ generieren. Kennen Sie das?“ Oh ja, das kennt Herr K., denkt sich aber auch: „Heul doch!“ Sein Mitleid hält sich in Grenzen, denn Ärzten, Buchhändlern oder Flugkapitänen ging’s ja auch mal besser. Dann stammelt er so was wie: „Ja, äh, also das tut einem natürlich echt leid.“

Als seine Frau zu Hause fragt, wie’s war, antwortet Herr K.: „Ich glaube, dieses Onlinebanking ist gar nicht so schlecht.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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