Der moderne Mann: Mit Coach auf die Couch

Der moderne Mann: Mit Coach auf die Couch

, aktualisiert 20. Januar 2017, 15:02 Uhr
Bild vergrößern

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. hat von seiner Frau zu Weihnachten ein „Schnupper-Coaching“ geschenkt bekommen. Ein Kollege ermutigt ihn auch noch zu dieser Selbstoptimierung eines modernen Mannes. Seine Erwartungen werden nicht ganz erfüllt.

Berger aus dem Marketing lässt sich neuerdings coachen. „Ernährung, Outfit, Sport, Business-Englisch, Work-Life-Balance – alles“, strahlt er obligatorisch braun gebrannt nach seinen Skiferien in Lech. Übrigens gebe es schon Urlaubsziel-Coachings. „Ist ja nicht ganz unwichtig, neben wem man in der Sonne liegt“, sagt Berger und knufft Herrn K. auf dem Flur in die Seite.

Berger tänzelt, links, rechts, haha, immer auf dem Sprung, aber dabei natürlich super-sympathisch, weil er sich auch „in Performance-Fragen“ hat coachen lassen. Wenn Berger eine empathische Raubkatze ist, würde sich Herr K. selbst vielleicht als Schabrackentapir sehen. Nur gut, dass sogar er von seiner Frau zu Weihnachten einen Gutschein für ein „Schnupper-Coaching“ geschenkt bekommen hat.

Anzeige

Früher hätte das gewirkt wie ein mehrteiliges Deo-Set – ein deutlicher Wink in der Art: „Wir haben dich alle lieb, du riechst nur ein bisschen streng.“ Aber inzwischen ist es „gesellschaftsfähig“ geworden und ein „Massenmarkt“, schrieb jüngst die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“... also Coaching, nicht Transpiration.

„Es geht nicht um Defizite, sondern um Selbstoptimierung“, hat ihn Berger noch ermutigt. Coaching ist nicht mehr peinliche Nachhilfe, sondern cooles Modul zur Effizienzsteigerung. So steht Herr K. wenige Tage später in einem Altbau-Hausflur. Das Effizienz-Modul riecht in seinem Fall nach kalten Kohlrouladen.

Er hatte auf ein Loft mit Stahlrohrmöbeln gehofft. Es wird dann nur ein zugiges Bügelzimmer, das aussieht, als werde es schon sehr lange eher fragwürdig von der Steuer abgesetzt. Herrn K.s Coach heißt Maik und war laut seiner Homepage mal ein „bekannter Rundfunkmoderator“. Coaches sind das ja gern: Ex-Vorstände, -TV-Größen, -Sportler, Ex-Irgendwasse eben.

Maik ist leider mehr Ex als alles andere. Er startete seine „langjährige Medienkarriere“ einst als Wochenend-Aushilfe bei einem Lokalradiosender – und beendete sie dort auch. „Meine Schule war das Leben“, sagt Maik, womit er diverse Aushilfsjobs als Packer, Kellner und Callcenter-Leiharbeiter meint. Er fragt Herrn K., ob er eine rauchen darf. Herr K. lehnt ab. „Hab‘s Aufhören auch schon paar mal probiert“, sagt Maik. „Sie könnten sich ja coachen lassen“, sagt Herr K. und dann: „Jetzt mal ehrlich: Wie sind Sie arme Wurst denn Coach geworden?“

Maik starrt ihn an: „Arbeitsamt. Da gab‘s einen Workshop. Coach kann sich jeder nennen. Aber ich geb‘ ja zu, dass man davon nicht leben kann. Coaches gibt‘s mittlerweile wie Sand am Meer. Und was soll ich jemandem wie Ihnen schon raten ... Sie ham doch alles.“

Eine Stunde später verlässt Herr K. den Kohlrouladen-Kosmos. Er hat Maik noch ein paar Job-Tipps gegeben, ein Deo empfohlen und fühlt sich nun viel besser. Er tänzelt, links, rechts. Yeah. Ein Super-Coach, dieser Maik.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%