Der moderne Mann: Nordkorea statt Antalya

Der moderne Mann: Nordkorea statt Antalya

, aktualisiert 17. März 2017, 13:14 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Das Büro ist der perfekte Ort für ausschweifende Gespräche. Auch die Urlaubsplanung gehört dazu. Doch wohin soll es gehen? Eine Frage, die sich für Herr K. und seine Kollegen nicht ganz so leicht beantworten lässt.

Die Frage „Na, wo soll‘s denn diesen Sommer hingehen?“ war in Büro und Kantine früher ein Smalltalk-Pausenfüller. Mehr nicht. Weitgehend sinnfrei wie „Und, alles fit?“ Aber die weltpolitischen Unwägbarkeiten haben nun auch privateste Urlaubsplanungen erreicht – mit noch nicht absehbaren Folgen.

„Türkei geht natürlich gar nicht mehr“, murmelt Koslowski über seine vegetarischen Tacos hinweg. „Entweder sprengt dich dort ein Terrorist in die Luft. Oder sie halten dich selbst für einen und schwups streiteste mit Ahmed, dem Würger, und Üzgür, dem Schänder, um die geraspelten Kakerlaken zum Würzen der Wassersuppe in einem anatolischen Knast, der auf keiner Google-Karte auftaucht... und das die nächsten 30 Jahre.“

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Alle nicken ernst, dann sagt Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung: „USA geht aber auch nicht mehr. Als Bürger aus Merkelland kriegt man wahrscheinlich schon bei der Einreise den ersten Schuss ins Knie.“ Berger aus dem Marketing flankiert nüchtern ökonomisch: „Macht echt keinen Sinn mehr, jetzt, wo der Dollar so stark ist.“ Aber wäre Großbritannien eine Alternative? „Die würden ja am liebsten ihre polnischen Putzfrauen ausweisen, was haben die dann erst mit Touris vom Festland vor?“ Und Marokko, Tunesien, Ägypten? „Sichere Herkunftsländer am Arsch“, bilanziert Koslowski in seiner unnachahmlichen Weise.

„Vielleicht Griechenland?“ Alle schauen Herrn K. an, als hätte er gerade Lord Voldemort zum Dessert eingeladen. „Tsipras, Überschuldung, Euro-Krise, klingelt da nix bei Ihnen?“, findet Koslowski als Erster seine Fassung wieder. Herr K. versucht noch eine letzte Gegenwehr: „In Kyllini Beach haben wir uns immer wohlgefühlt.“ Koslowski kontert: „Nee, nee, wenn Sie schon in einen Robinson Club wollen, geht eigentlich nur noch Ampfelwang.“ „Österreich!? Zu all den Rechten?“, kreischt der dicke Schnapproth aus dem Vertrieb noch kurzatmiger als sonst.

Und die Niederlande? Haben diesen irren Rechten mit der Sturmfrisur. Ungarn? Hat diesen irren Rechten ohne Sturmfrisur. Frankreich? „Klar, Abenteuerurlaub in Nizza oder Paris“, ächzt Koslowski. „Vielleicht Kuba?“, probiert Frau Stibbenbrook. „Zu früh“, warnt Berger. „Russland“, schlägt Herr K. vor. „Zu spät“, finden alle. Und die Schweiz? Zu teuer. „Da fühlen Sie sich wie ein Hartz-Rentner im Trump Tower“, sagt Berger.

„Wenn man denkt, dass alle in die falsche Richtung fahren, ist man selbst vielleicht nur ein Geisterfahrer“, fängt Koslowski an, wirr zu philosophieren, was aber niemand hören will.

Herr K. will gerade sagen, dass als Urlaubsdestination jetzt eigentlich nur noch Nordkorea bleibt (sofern man nicht mit Kim Jong-un verwandt ist). Aber dann fällt ihm doch noch was Besseres ein: „Småland“, ruft er und hört schon den dicken Schnapproth hysterisch in die Hände patschen. „Au ja, Schweden!“ „Nee, Ikea.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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