Der moderne Mann: Ohne Fleisch kein Preis

Der moderne Mann: Ohne Fleisch kein Preis

, aktualisiert 30. Juni 2017, 14:08 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. gibt auf – auch er wird im heimischen Garten bald totes verbranntes Tier servieren. Blieben nur ein paar kleine Hindernisse: Die Angst vor versehentlichen Terroranschlägen zum Beispiel. Und das Soßen-Studium.

Er hat sich lange gesträubt, aber der gesellschaftliche Druck ist einfach zu groß geworden. Nachbarn wechselten bereits die Straßenseite, wenn ihnen Herr K. entgegenkam. Selbst seine Frau zuckte kühl mit den Schultern, wenn er fragte, ob die Welt keine anderen Probleme habe. „Also gut“, gibt er nun endlich seinen Widerstand auf. „Kaufen wir halt einen Grill.“

Es ist nicht so, dass Herr K. sich gegen diese eher archaische Art der Fleisch- und Gemüsezubereitung sträuben würde. Er akzeptiert die boomende Angesagtheit dieses Männerdings. Was ihn aber einschüchterte nach eigenen ersten Brutzel-Selbstversuchen: der Perfektionismus in seinem Bekanntenkreis. Grillen ist akademisch geworden.

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Er erinnert sich an den Barbecue-Abend im fackelbeschienenen Garten der Schmidts. Claus erzählte von dem Asado-Kreuz, auf dem er künftig komplette Spanferkel zubereiten wolle. Irene schwärmte von ihren Zitronen-Thymian-Bratwürstchen im Schafsaitling. Heinz-Rüdiger, Gründer und CEO eines Weltmarktführers im Bereich Messebau, schwört auf den Beefer, in dem er bei 824,5 Grad das Rippenstück eines spanischen Rubia-Gallega-Ochsen auf die Zehntelsekunde genau hinbekommt zum selbst gemachten Papaya-Salsa.

Und noch etwas anderes macht Herrn K. Sorge, als er mit seiner Familie am Wochenende in einem hangarartigen Gartenmarkt steht, der regelmäßige Workshops eines amtierenden Grill-Europameisters anbietet: das Gas. Gasgrills brauchen nun mal Gas. Und Gas neigt bei unsachgemäßem Gebrauch zu Verpuffungen und Explosionen, die unschöne Krater in komplette Straßenzüge reißen können. Herrn K.s zweiter Vorname ist „unsachgemäß“, auch wenn ihm der „Grill Instructor“ beruhigend zuredet. Er würde Herrn K. gern das Modell Extended Inferno Super Summit II in Edelstahl verkaufen mit acht Brennern, Flavorizer und Gourmet-BBQ-System für mehrere Tausend Euro.

Es ist keine Geldfrage. Herr K. hat schlicht Angst, dass Reporter irgendwann in den Abendnachrichten live vor seiner rauchenden Hausruine sagen könnten: „Der Täter war der Polizei bislang nicht bekannt. Ein terroristischer Hintergrund kann aber noch nicht ausgeschlossen werden.“

Herr K. wählt am Ende den kleinsten Gasgrill, den er ganz hinten, kurz vor den Kundentoiletten, finden kann. „Tja, da haben Sie mit sicherer Hand das Herrenhandtäschchen unter den Gasgrills gewählt“, sagt der Verkäufer und lächelt maliziös.

Aber Herrn K.s Familie kreischt: „Och, ist der süüüß.“ Die stählerne Schuhschachtel hat das Zeug zum Haustier. Und Herr K. wird für Handbücher, Rezeptsammlungen und Accessoires ein Vielfaches dessen ausgeben, was die Hardware gekostet hat. Allein die nachhaltigen Dips auf Honey-Miso-Chipotle-Basis kosten ein Vermögen. Immerhin: Als Grillsoßen-Experte könnte er selbst bei den Schmidts noch zum anerkannten Nischen-Star avancieren.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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