Der moderne Mann: Shitstorm – leicht gemacht

Der moderne Mann: Shitstorm – leicht gemacht

, aktualisiert 15. Januar 2016, 15:16 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. denkt über Shitstorms nach und merkt, dass eine Welle der Empörung binnen Sekunden am Image eines Unternehmens kratzen kann. Doch genau das will er vermeiden und wird prompt zu einem Retter eines Konzerns.

Vor wenigen Tagen brach die Aktie von Apple ein, weil irgendwer irgendwo behauptet hatte, dass sich das iPhone nicht mehr so gut verkaufe. Die Quelle war unklar, aber den Märkten auch egal. Binnen weniger Minuten rauschte die Nachricht um die Welt, der US-Konzern verlor wahrscheinlich mehrere Fantastilliarden Dollar an Wert.

Herr K. sitzt in seinem Büro und starrt auf seinen Computerbildschirm. Für solche Desaster reicht heute im Prinzip ein Tweet mit 140 Zeichen. Was wäre, wenn er … also jetzt nur mal angenommen … muss ja nicht gleich Apple sein … man könnte ja mit Adidas anfangen:

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@adidas Bänderriss!!! im #Climaheat Rocket Boost!!! Produktfehler? #warnung #horror #notaufnahme

Okay, sein Sportunfall ist schon länger her, aber wen interessiert’s?! So in etwa müsste das aussehen, findet Herr K. "Climaheat” heißt einer der Sportschuhe aus Herzogenaurach. Und ohne die Ausrufezeichen geht heute gar nichts mehr. Das hat Herr K. bei Til Schweiger gelernt. Es würde nur Sekunden dauern, bis die Hiobsbotschaft den letzten WLAN-Zipfel des Planeten erreicht hätte. Eine studentische Aushilfskraft aus dem Social-Media-Team des Konzerns würde es noch mit einer Entschuldigung versuchen. Aber natürlich ist es dafür längst zu spät.

Ein paar wichtige Szene-Blogger haben es immer schon gewusst. Online-Medien sind sich für keinen Sprachwitz der Sorte "Adidas stolpert über Turnschuh" zu schade. Sportmediziner werden befragt. Weitere "Opfer" outen sich bei Facebook. Die Konzernspitze publiziert eine wenig hilfreiche Pressemeldung, dass man gar nicht wisse, was oder wer hinter den Meldungen stecke. Die weiteren Schlagzeilen: Adidas dementiert Schuh-Probleme +++ Adidas gibt sich ahnungslos +++ Adidas außer Tritt.

Die US-Börsenaufsicht kündigt Vorermittlungen an, der Konzern verspricht, "vollumfänglich mit den Behörden zusammenzuarbeiten". Unter dem Hashtag #shoegate rollt bei Twitter der nächste Shitstorm an. Analystenorakel, dass der Adidas-Kurs ins Bodenlose stürzen könnte, lassen ihn ins Bodenlose stürzen. Zulieferer werden unruhig. Der Aufsichtsrat verlangt Aufklärung. NGOs aus dem Bereich Textilwirtschaft bewerfen Adidas-Flagshipstores mit alten Schlappen. In China fällt ein Sack Reis um.

Alles passiert gleichzeitig, obwohl ja gar nichts passiert ist. Niemand weiß was, aber jeder hat eine Meinung. Für einen ordentlichen Skandal braucht es immer seltener missglückte Elchtests oder einen havarierten Öltanker. Heute genügt … ja, was?

Herr K. betrachtet seinen Tweet auf dem Bildschirm. Noch ungesendet. Dann löscht er alles wieder. Er hat sie gespürt, die Macht des Konsumenten. Es war knapp für den Konzern. Verdammt knapp. "Ich habe gerade Adidas gerettet", sagt er zu seiner Assistentin, die fragend schaut. Er knipst den Computer aus. Mit einem guten Gefühl. Ein paar Turnschuhe aus Herzogenaurach hielte er als kleines Dankeschön allerdings für angemessen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

Quellle:  Handelsblatt Online
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