Der moderne Mann: Vom Elend eines Vielfliegers

Der moderne Mann: Vom Elend eines Vielfliegers

, aktualisiert 19. Mai 2017, 15:42 Uhr
Bild vergrößern

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. macht sich Gedanken zur Zukunft des Luftverkehrs. Er muss feststellen: Das Elend eines Vielfliegers hat viele Gesichter – und viel zu wenig Platz. Da können auch die Bonuspunkte für Meilensammler nicht trösten.

Im internationalen Luftverkehr kam es in der jüngeren Vergangenheit zu menschlich eher unschönen Zwischenfällen. Passagiere mussten teilweise mit Gewalt aus überbuchten Maschinen geschleift werden. Herrn K.s Unverständnis kreist weniger um die Frage, weshalb das Bordpersonal die Leute rauszerrte, sondern weshalb sie immer noch reinwollen.
Flugreisen sind, was ihren Komfort angeht, mittlerweile nicht mal mehr mit dem Transport von Schweinehälften aus osteuropäischer Massentierhaltung zu vergleichen, für die wenigstens Zollbeamte oder Veterinäre zuständig sind. Wer kümmert sich dagegen um Vielflieger wie Herrn K.?
Regelmäßig findet er sich mittlerweile in langen Schlangen vor den Sicherheitsschleusen, wo erste tragische Ausfälle nicht ausbleiben. Er selbst ist kurz vor dem Ganzkörperscanner bereits auf mumifizierte Überreste eines USA-Touristen gestoßen, was man aber nur aus dem verwitterten „NY“-‧Base‧cap ableiten konnte. Schön ist was anderes.
Danach wird er meist von übellaunigen Hilfskräften begrapscht und schnippischen Stewardessen über die wahre Verspätung belogen, die grundsätzlich anfällt. Anschließend bringen ihn Busfahrer mit der Service-Begeisterung von Friedhofsgärtnern zu sehr weit entfernten Außenpositionen, wo dann auch erst mal Schluss ist. Die Busfenster für die Wartenden werden nur geöffnet, wenn draußen sibirische Temperaturen herrschen. Bei 40 Grad im Schatten bleibt alles hermetisch abgeriegelt. Aus Sicherheitsgründen, murrt der Friedhofsgärtner gern. Hat er dazu gegrinst?

Wenn Herr K. schließlich dehydriert auf Platz 23 E landet, bedeutet das: Dieser Mittelplatz ist schmaler als Kate Moss nach einer Fastenkur. Thrombosen werden hier nicht zur Gefahr, sondern zur Erlösung. In solchen Momenten ist der moderne Flugreisende Teil einer Art Teewurstmasse, die möglichst fest in einen stählernen Sarg gepresst werden muss. Weil es meist eh nichts zu trinken gibt, retten sich manche Passagiere bereits damit, den Schweiß aus ihren Herrenhemden in mitgebrachte Faltbecher zu wringen.
Aber all das ist erst der Anfang, denn weil Fliegen immer billiger wird, muss es auch immer effizienter werden. Herr K. findet das logisch, obwohl es andererseits bedeutet: Wenn ein durchschnittlicher innerdeutscher Flug nicht mehr 500 Euro kostet, sondern 100, müssen eben fünfmal mehr Passagiere in einen handelsüblichen Airbus A 319. In spätestens drei Jahren wird man dank modernster Lagerungs-Logistik auf einem Kubikmeter Flugzeug-Innenraum zwölf Reisende unterbringen können. Mit Handgepäck.
Natürlich nur in der Business-Class. Economy wird‘s unbequemer. Dort muss auch die Atemluft dann extra bezahlt werden. Dafür gibt es 2,8 Statusmeilen, die im Bordshop gegen eine briefmarkengroße Papierserviette eingetauscht werden können mit dem Aufdruck „Nonstop you“.

Anzeige

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%