Der moderne Mann: Weinstein und die Folgen

Der moderne Mann: Weinstein und die Folgen

, aktualisiert 10. November 2017, 14:34 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Der Weinstein-Skandal schlägt immer höhere Wellen. Auch Herr K. bekommt die Auswirkungen zu spüren, da er an einem Gender-Awareness-Workshop teilnehmen muss. Für ihn ist das die Höchststrafe im großen Geschlechter-Bingo.

Die Sex-Affäre um den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein schlägt hohe Wellen. Bis in die Firma von Herrn K., der nun in einen halbtägigen Gender-Awareness-Workshop gespült wurde. Er hält das für die Höchststrafe im großen Geschlechter-Bingo. Wenn eine Frau einen Auffahrunfall verursacht, müssen ja auch nicht landesweit all ihre Geschlechtsgenossinnen zum Idiotentest.

Aber das sagt er jetzt nicht laut, denn die Initiatorin baut sich gerade im aschgrauen Etuikleid vor ihnen auf. Frau Doktor Schwielow sitzt nicht nur im Vorstand, sondern ist auch Chief Sustainability Officer und Gleichstellungsbeauftragte der Firma, was Koslowski einst als „Krötenzaun meets Klimakterium“ diffamierte.

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„Zielsetzung des Seminars ist es, Ihnen, liebe Kollegen, die Möglichkeit zu geben, eigene Stereotype kennen zu lernen, um diese in ihrer unreflektierten Wirksamkeit zu hinterfragen“, erklärt Frau Doktor Schwielow. Koslowski rollt mit den Augen, worauf sie ihm einen strengen Blick zuwirft. „Ihnen wird sich Frau Kapp-Straten sicher besonders aufmerksam widmen“, sagt Doktor Schwielow und verabschiedet sich von der Herrenrunde. Die Moderatorin werde ja gleich kommen.

So sitzen sie nun im fensterlosen Konferenzraum 2–14/4302/IV und starren auf die Keksmischung. Ein repräsentativer Querschnitt deutscher Männlichkeit. Berger aus dem Marketing, braun gebrannt wie immer. Der Controller-Traum Schmidt-Scheckenbach. Sogar Lasse, ihr Generation-Y-Vertreter, ist da und Spreekamp, der eigens aus der Elternzeit geholt wurde. „Das letzte Mal hat uns Frau Klapp-Spaten doch erklärt, dass wir alle potenzielle Vergewaltiger sind“, lacht Koslowski bitter. „Also mehr Gender-Awareness war bei mir selten.“

„Kann mir mal jemand erklären, was überhaupt los ist?“, fragt Spreekamp, der mit Frau und Baby gerade erst von einer Weltumsegelung zurückgekommen ist und überhaupt nichts mitgekriegt hat. „So verbringt man also heute seine Elternzeit“, nörgelt Schmidt-Scheckenbach. Aber dann erbarmt man sich doch, dem Rückkehrer die Sexismus-News der vergangenen Wochen zu erklären.

Erst die Enthüllung, dass Herr Weinstein offenbar halb Hollywood vergewaltigt oder wenigstens belästigt hat. Dann wurde bekannt, dass Ex-US-Präsident George Bush senior aus dem Rollstuhl heraus offenbar auch gern grapschte. Es folgten Kevin Spacey, Dustin Hoffman und der übergriffige Modefotograf Terry Richardson sowie das halbe britische Parlament. Verteidigungsminister Richard Fallon hat sich nach den Vorwürfen einer Journalistin, ihr vor 15 Jahren ans Knie gefasst zu haben, gar nicht erst verteidigt, sondern trat gleich zurück. So schnell geht das heute.

„Ach du Kacke“, sagt Spreekamp. „Und Deutschland hat bereits den übelsten Fall von allen“, setzt Koslowski an (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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