Der moderne Mann: Wem die Stunde schlägt

Der moderne Mann: Wem die Stunde schlägt

, aktualisiert 31. März 2017, 16:02 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Bis vor kurzem zählte zu Herrn K.s Wertekanon die klare Regel: Männer tragen keinen Schmuck. Aber jetzt gibt es Uhren. Armbanduhren. Und damit ist nicht die Smart Watch gemeint.

Zu den Grundkonstanten in Herrn K.s Leben gehören eherne Gesetze wie: bei Rot stehen, bei Grün gehen. Oder: freitags Biomüll. Bis vor kurzem zählte zu diesem Wertekanon auch die klare Regel: Männer tragen keinen Schmuck. Wer es dennoch tat, hieß entweder Winnetou oder Karl Lagerfeld bzw. arbeitete als Zuhälter, Gangsta-Rapper oder beides.

Herrenschmuck war allenfalls als Manschettenknopf mehrheitsfähig, und auch da mussten Vertreter des mittleren Managements wie Herr K. aufpassen, dass es nicht zu keck wirkte. Reschke soll mal einen Vorstand wegen Manschettenknöpfen in der Form vergoldeter Hengste rausgeschmissen haben mit den Worten: „Wir sind doch hier kein orientalischer Straßenpuff“, was das Verhältnis zwischen deutschen Männern und dem Thema Dekoration beispielhaft illustrierte.

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Ehering war das einzig mögliche und erlaubte Accessoire. Alles andere wirkte so seriös wie ein Nasen-Piercing. Aber jetzt gibt es Uhren. Armbanduhren. Und damit ist nicht die Smart Watch gemeint, mit der sich allenfalls die Streber aus Herrn K.s IT-Abteilung gut fühlen. Selbst Apple fiel dem Missverständnis anheim, man kaufe sich eine Uhr, um die Zeit abzulesen, den Blutdruck oder das Wetter in Warschau. Eine richtige Uhr muss das alles nicht können. Einen SUV kauft man sich ja auch nicht, um sich damit in der Regenzeit durchs Okawango-Delta zu graben. Wie das Auto muss die Uhr die eigene Persönlichkeit unterstreichen. Die Mechanik steht wie der Mann für archaische Qualität, Präzision und Verlässlichkeit.

Wie die Uhrenindustrie das genau geschafft hat, weiß Herr K. nicht. Aber es klappt so perfekt, dass er in seiner Mittagspause vor den Schaufenstern eines Innenstadt-Juweliers steht und in sich hineinhorcht. Welche Uhr passt zu ihm? Er könnte einen Gangsta-Rapper fragen, kennt aber keinen. Herr K. weiß nur, dass er mal wieder viel zu spät dran ist. Hückenrath aus der Werbeabteilung sammelt schon seit fünf Jahren und kann ihm die Unterschiede zwischen der Daytona Black Dial und der Oyster Perpetual von Rolex noch im Wachkoma herbeten.

„Ich geh‘ ja nur noch in Vintage“, sagte Hückenrath, der da gerade seinen Besuch auf der Fachmesse Baselworld vorbereitete. „Mein Jahres-Highlight“, so Hückenrath. Doch dazu wird es nicht mehr kommen. Am nächsten Tag sah Herr K. ihn beim Townhall-Meeting mit Reschke über IWC fachsimpeln, Neues von Nomos und die Feinheiten der Lange 1 Tourbillon, die beide am Handgelenk trugen. Als Hückenrath sich verabschiedete, hörte Herr K. Reschke noch heiser lachen: „Der feine Herr Werber braucht mal wieder ein bisschen Bodenhaftung. Suchen wir nicht noch jemanden für die Repräsentanz in Warschau?“

Zu Herrn K.s ehernen Weisheiten gehört nun: Trage nie die gleiche Uhr wie dein Chef! Er selbst wird sich eine Swatch kaufen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Quelle:  Handelsblatt Online
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