Der moderne Mann: Workflow im Bällebad

Der moderne Mann: Workflow im Bällebad

, aktualisiert 28. Juli 2017, 15:16 Uhr
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

von Herr K.Quelle:Handelsblatt Online

Herr K. soll das Büro wechseln – von der Firma ins Homeoffice. Des Workflows, will heißen, der Betriebskosten wegen. Nachdem er sehenden Auges die Gefahr ignorierte, muss er nun ins Möbelhaus. Der Tragödie zweiter Teil.

Homeoffice war für Herrn K. lange weit weg. Es klang nach Heimarbeit. Und die wiederum roch irgendwie nach kalten Kohlrouladen und war in der Nachkriegszeit Großmüttern vorbehalten, die zu Hause Plastikblumen verlöteten oder Topflappen bestickten. Lange blieb es bei einem vergleichbaren Sozialprestige, während das Großraumbüro als Lebensraum mit immer mehr Bedeutung aufgeladen wurde.

In Herrn K.s Firma kamen erst die obligatorischen Tischkicker, Dartscheiben und Cafeteria-Areale mit unbequemen Alu-Barhockern zum Einsatz. Dann hat ein sehr teurer britischer Stararchitekt das gesamte Großraumbüro in eine Art Indoor-Spielplatz verwandelt, mit lutschbonbonfarbenen Sitzsäcken. Der Betriebsrat konnte immerhin verhindern, dass das historische Kinderkarussell in der Raummitte auch noch Kirmesmusik spielt.

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Ein Original-Schamane hat das Ganze aber dann gemeinsam mit einer Feng-Shui-Pädagogin aus Scharbeutz ein Jahr später so umarrangiert, dass an sinnvolles Arbeiten fortan überhaupt nicht mehr zu denken war. Das Resultat sieht immerhin sehr ansprechend aus und gewann diverse Designpreise.

Die kommunikative Gesamtsituation im Unternehmen hat sich dadurch indes nicht unbedingt verändert, wenn man von zwei außergewöhnlichen Vorfällen absieht: Koslowski musste sich ambulant behandeln lassen, nachdem er im Bällebad ausgerutscht war. Und eine junge Kollegin aus dem Sales-Bereich wurde angeblich nach dem Betriebsfest in der neuen Chill-out-Zone geschwängert. Immerhin soll das junge Paar mittlerweile die kirchliche Trauung planen.

Herr K. weiß das aber nur vom Hörensagen, und es war ihm auch lange egal. Alles. Er hatte ja sein Einzelbüro: vier Fensterachsen, USM-Regale, Sitzecke. Aber wozu war der ganze Großraumzauber gut, wenn es jetzt plötzlich doch in die andere Richtung gehen sollte? Selbst als der alte Reschke beim Townhall-Meeting anfing, vom Homeoffice zu schwärmen, dachte Herr K. sich noch nichts, sondern machte sich die frischen Floskeln zu eigen: Ihr könnt zu Hause viel selbstbestimmter arbeiten! Man hat die Familie bei sich! Freut euch: Kein lästiger Kollege oder gar Chef stört mehr den Workflow! Unter der Hand ließ der Vorstand keinen Zweifel daran, dass Homeoffice schlicht billiger ist.

Herr K. mischte sich zunächst nicht weiter ein. Hauptsache, er würde sein Einzelbüro behalten. Und daran bestand lange kein Zweifel. Bis jetzt die Hausmitteilung von Reschke kam. Auch an ihn persönlich adressiert. Inhalt: eine Ode ans Homeoffice. Auch er als Führungskraft dürfe sich nun mit dem Thema vertraut machen. Viel selbstbestimmteres Arbeiten. Die Familie bei sich. Kein lästiger Kollege, der den Workflow stört.

Das war am Mittwoch. Jetzt ist Samstag, und Herr K. steht in der Office-Abteilung eines sehr großen Möbelhauses herum. Es wird furchtbar enden. Er ahnt es. (Fortsetzung folgt)

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Quelle:  Handelsblatt Online
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