Der Werber-Rat: Klassik zum Einschlafen

Der Werber-Rat: Klassik zum Einschlafen

, aktualisiert 22. März 2016, 22:12 Uhr
von Armin JochumQuelle:Handelsblatt Online

Jenseits aller modernen Formen von Unterhaltungsmusik, stürmt das Klassik-Genre die Charts. Natürlich wird man nur mit klassischem Rüstzeug nicht zur Marke. Jeder der neuen Stars hat einiges im Vermarktungsrepertoire.

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Die klassische Musik stürmt derzeit die Charts.

Der Briefträger klingelt, das Paket vom Onkel ist da. Drin: eine alte Geige. Dieses späte musikalische Onboarding-Programm verdanke ich dem Umstand, dass ich der Einzige unserer sehr musikalischen Familie bin, der als Vierjähriger nicht mit einem Streichinstrument bedacht wurde.

Und mein Lieblingsonkel mir nun die hölzerne Kostbarkeit unter der Maßgabe übereignet hat, nun schnellstens Violinenunterricht zu nehmen. Und zweitens: nächstes Weihnachten vor versammelter Familie ein Liedchen zum Besten geben solle.

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Mit der Klassik ist das so eine Sache. Jenseits aller modernen Formen von Unterhaltungsmusik und aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Musikgeschäfts in unserer umtriebigen 99-Cent-Download-Welt, schickt sich das Klassik-Genre an, mit ordentlich Tempo die Charts zu stürmen. Die neuen Power-Brands heißen heute nicht mehr Händel und Karajan, sondern Ludovico Einaudi, Daniel Hope und Lang Lang.

Künstler, die seit vielen Hundert Wochen die Verkaufscharts dominieren. Natürlich wird man nur mit klassischem Rüstzeug nicht zur Marke. Jeder der neuen Stars hat einiges im Vermarktungsrepertoire - und nicht nur Notenblätter auf dem Kasten. Max Richter zum Beispiel gelang der Durchbruch mit einer modernen Neuinterpretation der Vier Jahreszeiten von Vivaldi.

Für seine weitere Imagepflege überließ er nichts dem Zufall - und zahlte konsequent auf seinen Markenkern ein. Er inszenierte ein Acht-Stunden-Konzert mit einem einzigen Ziel: das Publikum zum Schlafen zu bringen. 400 Leute pilgerten nach Berlin und machten es sich auf Feldbetten bequem. Richters Mut wurde belohnt, das Experiment kam an: Er wurde mit stehenden Ovationen bedacht.

Dermaßen wach gerüttelt überlege ich ernsthaft, heute noch bei der strengen Geigenlehrerin in der Nachbarschaft anzurufen. Unbedingt.

Der Autor: Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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