Deutsche-Bahn-Speditionstochter: Schenker schickt Laster per Autopilot auf die Straße

Deutsche-Bahn-Speditionstochter: Schenker schickt Laster per Autopilot auf die Straße

, aktualisiert 10. Juli 2017, 17:16 Uhr
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Bewährungsprobe auf der A9.

von Christoph SchlautmannQuelle:Handelsblatt Online

Was die Deutsche Bahn auf der Schiene nicht schafft, macht die Speditionstochter Schenker vor: Ab nächstem Frühjahr rollen die ersten 40-Tonner computergesteuert über die A9. Eine Bewährungsprobe für den Konzern.

BerlinSchenker-Chef Jochen Thewes, 46, besitzt einen scharfen Sinn für abschreckende Symbolik. Anfang Februar verfrachtete er seine Führungsmannschaft in die stillgelegte Dortmunder Kokerei Hansa, packte die frierenden Manager in wärmende Wolldecken und ließ Ex-Verantwortliche von Erickson und Office Depot vor seiner Crew auftreten. Zerknirscht berichtet der eine, wie sein Arbeitgeber den Smartphone-Markt verschlief, der andere, warum das Internet den einstigen Büroartikel-Riesen überrollte.

Die Schocktherapie hatte Thewes geschickt kalkuliert. „Im Zeitalter der Digitalisierung müssen wir sicherstellen, dass sich keine Online-Frachtbörsen zwischen uns und unsere Kunden schieben“, warnt er im vertrauten Kreis.

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„Das Geschäftsmodell Spedition wird sich künftig stark wandeln“, weiß der Schenker-Chef und plant deshalb einen Umbau. „Die Digitalisierung bietet dazu große Möglichkeiten“, glaubt Thewes.

Wie ernst es der seit 22 Monaten amtierende Vorstandschef der größten Bahn-Tochter (Umsatz 2016: 15,1 Milliarden Euro) meint, wird ab nächstem Frühjahr auf der A9 zwischen München und Nürnberg zu besichtigen sein. Wie das Handelsblatt vorab erfuhr, schickt er dann paarweise Lkw-Gespanne auf die Straße, deren zweites Fahrzeug per Autopilot lenkt. In den Brummis greift der Fahrer nur noch ein, wenn GPS und Computer versagen. Geliefert werden die Lkws von MAN.

Nur einmal zuvor gab es in Europa einen ähnlichen Versuch. Bei einem sogenannten „Platooning“ Richtung Rotterdam waren hintereinander fahrende Trucks im April 2016 von Sicherheitskonvois begleitet worden. Diesmal gibt es keine.

Drei Fahrten täglich plant Schenker, zunächst bis Januar 2019. Zudem macht Verkehrsminister Alexander Dobrindt zwei Millionen Euro Fördergeld locker, was Thewes als hoffnungsvolles Zeichen wertet. „Wir erwarten, dass Lkws etwa ab dem Jahr 2030 autonom fahren.“

Weitaus früher sollen sich die Investitionen in ein anderes Projekt der Digitalisierung auszahlen. Erst vor fünf Monaten kaufte sich Schenker für 24 Millionen Euro bei dem texanischen Start-up Uship ein. Gemeinsam betreiben sie „Drive4Schenker“, eine Internetfrachtbörse, auf die der Bahn-Ableger all seine Hoffnungen setzt. „Bis Ende dieses Jahres wollen wir täglich 5.000 Sendungen über das Portal abwickeln und damit fünfmal so viel wie heute“, kündigt nun dessen Chef an. Das entspräche einem Viertel der gesamten Ladung.

Dass Bahn-Chef Richard Lutz die nötigen Mittel freimachte, hat gute Gründe. Während das autonome Fahren lediglich die Kosten im Transport mindern soll, und das wohl erst in vielen Jahren, geht es mit der Online-Frachtbörse ums Überleben.

Wie DHL oder Kühne + Nagel verdient die Bahn-Tochter bislang einen Großteil ihrer Einnahmen damit, die Fracht der Kundschaft an Lkw-Betreiber, Reedereien, Luftfracht-Transporteure oder die konzerneigene Güterbahn zu vermitteln. Diesen Job aber übernehmen mit wachsendem Erfolg Start-ups, die Transporte über digitale Plattformen an Auftragnehmer vermitteln. Den traditionellen Speditionen gehen damit die Aufgaben aus.

„Die Frachtbörsen sprießen förmlich aus dem Boden“, beobachtet Steffen Wagner von der Beratungsfirma KPMG. „Selbst angelsächsische Finanzinvestoren wie KKR steigen dort ein.“ In den vergangenen elf Jahren, ermittelte die Unternehmensberatung Oliver Wyman, flossen elf Milliarden Dollar Start-up-Kapital in die neuen Plattformen.


Post-Tochter DHL kannibalisiert ihr eigenes Speditionsgeschäft

Bei der britischen Connexion etwa stellen Frachtkunden einen Auftrag ein und warten auf Offerten. Der Taxi-Onlinevermittler Uber startete vor wenigen Wochen mit „Uber Freight“ ein Angebot, bei dem Transporteure an feste Tarife gebunden sind. Als Marktführer bezeichnet sich die Onlinebörse Timocom. Angeblich vermittelt sie täglich bis zu 750.000 Transporte und zählt 38.000 Frachtbeförderer auf ihrer Seite.

Von langfristigen Speditionsverträgen, wie früher üblich, wollen Transportkunden dagegen heute nichts mehr wissen. „Die Frachtbörsen helfen uns, die immer kurzfristigeren Aufträge unserer eigenen Kunden zu bedienen“, sagt Stefan Meyer-Wilmes, Logistikchef beim Münsterländer Fahrzeughersteller Schmitz Cargobull.

Die Post-Tochter DHL kannibalisiert deshalb sogar ihr eigenes Speditionsgeschäft. Auf dem hauseigenen Frachtportal „Saloodo“ lässt sie eigene Wettbewerber zu.

So weit will Schenker bislang nicht gehen. Nur Transportkapazitäten aus dem eigenen Haus und Subunternehmer will man auf Drive4Schenker einstellen. „Mit 30.000 zertifizierten Lkw-Unternehmen“, meint Thewes, „sind wir immerhin der größte Straßentransporteur in Europa.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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