Deutsche Bank-Co-Chef Cryan: „Ich sehe uns nicht im Verteidigungsmodus“

Deutsche Bank-Co-Chef Cryan: „Ich sehe uns nicht im Verteidigungsmodus“

, aktualisiert 02. März 2016, 15:59 Uhr
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„Wir sind besser als wir von außen wahrgenommen werden.“

von Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Bisher rückte John Cryan vor allem mit Kritik für die Deutsche Bank in den Fokus. Bei einer Rede am Mittwoch bemüht er sich nun, das Positive zu betonen. Ein Chef, der versucht, sein Image neu zu erfinden.

Frankfurt am MainWer ist John Cryan? Seit acht turbulenten Monaten steht der Brite an der Spitze der Deutschen Bank, und allmählich bekommt man den Eindruck, dass man den Mann mit den traurigen Augen und der sanften Stimme ein wenig kennt: Eher öffentlichkeitsscheu, schonungslos offen und nicht gerade der größte Optimist auf dieser Welt.

Oder ist John Cryan vielleicht doch ganz anders als alle denken? „Gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle: Ich bin der Mann, von dem es heißt er meide die Öffentlichkeit, aber heute trete ich gleich zweimal auf. Das sollte Ihnen doch zeigen wie gerne ich mit Ihnen kommuniziere“, begann der neue Chef der Deutschen Bank seine Rede am Mittwochmorgen auf dem Finanztag der „Süddeutschen Zeitung“. Tatsächlich sprach Cryan nicht nur dort, sondern war wenige Stunden später auch auf der Konkurrenz-Veranstaltung der „Börsen Zeitung“ eingeplant. Und diesen Doppelauftritt wollte der Vorstandschef ganz offensichtlich nutzen, um sich oder zumindest sein Image neu zu erfinden.

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Am Mittwoch sprach Cryan von „hektischen Wochen, die nicht leicht waren. Nur wenige Banken wurden so hart abgestraft wie wir.“ Da ist nicht nur der Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro im Jahr 2015. Richtig turbulent wurde es erst als zu Beginn dieses Jahres der Börsenkurs dramatisch einbrach: Die Aktie sackte auf ein neues Allzeittief von nur noch 13,03 Euro – weit entfernt vom Höchststand in den vergangen zwölf Monaten, der rund zwanzig Euro darüber lag. Noch nicht einmal auf dem Höhepunkt der Finanzkrise waren die Investoren derart misstrauisch.

Um Investoren zu beruhigen, versicherte Cryan öffentlich, dass die Bank grundsolide sei. selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprang dem Geldhaus mit verbaler Unterstützung zur Seite. Inzwischen hat sich der Kurs zwar etwas erholt – er liegt am Mittwoche bei 16,73 Euro –, doch seit Anfang Januar steht noch immer ein Minus von mehr als 20 Prozent zu Buche.

Deshalb gab es am Mittwoch erst einmal verbale Streicheleinheiten und eine gehörige Portion Optimismus: „Es geht hier nicht nur um Zahlen, Abläufe und Strukturen, es geht vor allem um Menschen und um unseren festen Willen, die Deutsche Bank zu alter Stärke zurückzuführen“, versicherte Cryan. Und: „Je intensiver ich mich mit Mitarbeitern und Geschäft befasse, desto mehr Potenzial sehe ich.“ Die Bank sei trotz Umbau, Rekordverlust und Kurssturz nicht im Verteidigungsmodus gefangen, sondern werde ihre Position als Firmenkunden- und Kapitalmarktbank in Europa weiter ausbauen.


„Unser Problem ist die zukünftige Profitabilität“

Das Problem an der Sache ist, dass seine Kritiker dem Vorstandschef zumindest eine Teilschuld an der Misere anlasten. Cryan habe eine ohnehin schwache Bank mit seiner Dauerkritik noch schwächer geredet, so lautet der Vorwurf. Tatsächlich nahm der Brite in den ersten Monaten nach dem Sprung auf den Chefsessel kein Blatt vor den Mund. Die Bank: viel zu ineffizient. Die Strategie: nicht ausgegoren. Die IT-Systeme : veraltet. Die Bezahlung der Banker: viel zu hoch. Zunächst kam die schonungslose Offenheit in der Öffentlichkeit und auch in der Bank gut an. Auf Dauer fragten sich aber viele, wie krank die Deutsche Bank tatsächlich ist, und womit sie bitteschön nach der von Cryan verordneten Radialkur künftig ihr Geld verdienen will.

So kehrte Cryan wirklich jede positive Nachricht heraus, die sich in der Deutschen Bank derzeit finden lässt, von den beeindruckenden Einnahmen von 33,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, die man erst einmal verdienen müsse, über das Wachstum in der Vermögensverwaltung und im Zahlungsverkehr bis hin zu einer Auszeichnung für eine der Handy-Apps des Geldhauses. Stolz streckt Cryan dabei sein eigenes Mobil-Telefon ins Publikum.

Auch über Cryans Verständnis seiner eigenen Rolle, lernten die Zuhörer im Luxushotel Frankfurter Hof etwas: Im Moment sei er eher als Führer denn als Manager gefragt, als Botschafter gegenüber Mitarbeitern, Aktionären und Gläubigern. Ein Botschafter, der vor allem eine Nachricht verbreiten möchte: „Wir sind besser als wir von außen wahrgenommen werden.“

Ob die Botschaft ankommt? Direkt nach Cryan trat Sergio Ermotti, der Chef des Schweizer Bankriesen UBS auf, und der zeichnete ein eher düsteres Bild der Zukunftsaussichten der europäischen Banken: Flaues Wirtschaftswachstum, negative Zinsen, immer strengere Regulierer, unbewältigte Altlasten. Ermotti befürchtet, dass es für die Banken immer schwieriger werden wird, adäquate Renditen zu erzielen. Dabei sei nur eine „profitable Bank eine stabile Bank“.

Aber genau hier liegen die größten Sorgen von Cryan. „Unser Problem ist die zukünftige Profitabilität“, räumte der Vorstandschef ganz am Ende seines Auftrittes an. Trotz des neu entdeckten Optimismus hat der oberste Deutsch-Banker seinen Realitätssinn offenbar nicht verloren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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