Deutsche Bank: Der Weg zur Milliardenstrafe

Deutsche Bank: Der Weg zur Milliardenstrafe

, aktualisiert 16. September 2016, 17:35 Uhr
Bild vergrößern

No income, no job, no assets – so genannte „Ninja“-Kredite, die an fast mittellose US-Amerikaner vergeben wurden, waren vor 2008 üblich. Auch die Deutsche Bank machte mit. Nun wird sie bestraft.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Leichtsinn oder schon Betrug? Bei der Vergabe von Immobilienkrediten in den USA vor der Finanzkrise 2008 war die Grenze oft verschwommen. Die Deutsche Bank war Teil des Systems. Nun muss sie zahlen.

New YorkDer Bestseller-Autor Michael Lewis hat einen Dialog unsterblich gemacht, der den ganzen Irrsinn des US-Immobiliengeschäfts vor der Finanzkrise 2008 auf den Punkt bringt. Deutsche-Bank-Mitarbeiter David Lippman antwortet in seinem Buch „The Big Short“ auf die Frage „Wer ist auf der anderen Seite? Wer ist der Idiot?“ entwaffnend offen: „Düsseldorf. Dumme Deutsche. Die nehmen Rating-Agenturen ernst. Die glauben an die Regeln.“

In den USA hat damals keiner mehr an irgendetwas geglaubt – außer an den schnellen Gewinn. Darlehensvermittler, Investmentbanken und Rating-Agenturen hatten ein System geschaffen, in dem das Geld immer schneller kreiste, ohne dass irgendjemand wirklich die Verantwortung dafür übernahm. Die Deutsche Bank war als eine der führenden Investmentbanken Teil dieses Systems – jetzt holt diese Vergangenheit sie ein, später als amerikanische Konkurrenten, dafür aber um so heftiger.

Anzeige

Wer je ein Haus auf Kredit gebaut hat, weiß, dass das eigentlich ein überschaubarer Vorgang ist. Ein Banker handelt die Konditionen aus, die Kreditabteilung im Hintergrund schaut sich die Immobilie und die Finanzen des Kunden an, dann wird das Geld ausgezahlt und die Bank behält den Betrag in der Bilanz und passt auf, dass der Kunde seine Raten zahlt. Im Vorlauf zur Finanzkrise 2008 hatten findige Banker in den USA aus diesem einfachen Geschäft ein kompliziertes Spiel gemacht, bei dem die Akteure die unterschiedlichsten Rollen übernahmen, aber niemand übrig blieb, der wirklich den Überblick hatte.

Die Kredite wurden häufig von reinen Kreditvermittlern ausgehandelt. Die kannten zwar den Kunden, aber ihnen war das Risiko egal, weil sie den Kredit gleich an Investmentbanken weiterreichten. Die wiederum bündelten ganze Kredite und teilten diese Bündel dann wieder in verschiedene Päckchen mit unterschiedlichem Risikoprofil auf. Sie hatten aber auch kein Interesse, das Risiko zu überprüfen. Das überließen sie den Rating-Agenturen, für die es ein neuer lukrativer Geschäftszweig war, diese Päckchen mit guten Noten zu versehen, um sie verkäuflich zu machen. Am Ende landeten die so kreierten Kreditpakete bei Investoren. Sie mussten das Risiko tragen – aber sie kannten weder die Kunden, noch hatten sie die Risiken selber geprüft. In der Regel haben sie die hunderte Seiten langen Verträge, die den Kreditbündeln zu Grund lagen, auch gar nicht verstanden.

Tatsächlich ist ein Teil der Bündel in Düsseldorf gelandet, zum Beispiel bei der IKB, einer einst untadeligen, konservativen Bank, die mit diesen Investments fast in die Pleite gerutscht ist. Schlimmer ist aber, dass auch in den USA viele Investoren hereingefallen sind, darunter große Vermögensverwalter wie Blackrock. Oder halbstaatliche Immobilienfinanzierer wie Fannie Mae. Denn wenn in den USA ein Schaden entsteht, dann stürzt sich ein Heer von Juristen darauf und treibt die Summen hoch.


Ein System so stabil wie ein Kartenhaus

Das Spiel beruhte auf der Annahme, dass Immobilienpreise in den USA nur steigen können. Deswegen schien es letztlich egal zu sein, ob die Kreditnehmer kreditwürdig sind. Sollte ein Kunde zahlungsunfähig werden, so die Logik, dann wurde das Haus eben zu einem inzwischen höheren Preis verkauft. So bekamen selbst Leute Darlehen die nichts hatten – kein Geld und keinen Job. Das waren die berühmten Ninja-Kredite (no income, no job, no assets). Das ganze System klappte wie ein Kartenhaus zusammen, als die Immobilienpreise dann doch einbrachen. Oder wie ein Jenga-Turm: Mit diesem Hölzchen-Spiel erklärt die Verfilmung von „The Big Short“ von Brad Pitt die Krise.

In diesem Spiel gingen Leichtsinn, Fahrlässigkeit und Betrug nahtlos in einander über. Das Problem war, dass letztlich niemand die Verantwortung für das ganze System übernommen hat. Aber wer hatte die Verantwortung dafür, dass niemand die Verantwortung übernahm? Zum Teil haben dieselben Aufsichtsbehörden, die dem Treiben damals ahnungslos zuschauten, hinterher von den beteiligten Banken hohe Geldstrafen verlangt. Am bekanntesten wurden die 13 Milliarden Dollar, die JP Morgan 2013 zahlen musste. Aber andere Banken, vor allem Bank of America, waren auch dabei. Dabei ist eine Vielzahl von Behörden in die Sache verwickelt, die in großen Fällen meist vom US-Justizministerium koordiniert werden, wenn es um Bußgelder geht. Hinzu kommt, dass nach dem Willen der Politik auch Hausbesitzer entschädigt werden sollen, die durch die leichtsinnige Kreditvergabe in Schwierigkeiten geraten sind. Und dann fordern die Investoren hohe Summen an Schadenersatz.

Daher ging in den letzten Jahren eine Welle von Prozessen, Verhandlungen und Vergleichen durchs Land. Die Hoffnung, dass es damit irgendwann ein Ende hat, stirbt zuletzt. Aber so, wie das Rechtssystem der USA konstruiert ist, kann niemand wissen, ob nicht doch noch jemand mit einer weiteren Forderung um die Ecke kommt.
Die USA haben in der Krise und danach ihre eigenen Banken gezwungen, eine Menge Kapital aufnehmen. Die US-Notenbank hat die amerikanische Wirtschaft früh mit billigem Geld wieder in Gang gesetzt. Deswegen können die Geldhäuser Amerikas zum Teil drastische Bußgelder und Schadenersatzzahlungen relativ locker wegstecken. In Europa hat es diese Art von Krisenbekämpfung entweder nicht oder zu spät gegeben.
Die Deutsche Bank hat wie die US-Häuser das große Spiel mitgemacht und wird dafür zur Kasse gebeten. Aber ihre Kapital- und Gewinnstärke ist selbst für europäische Verhältnisse wenig glanzvoll.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%