Deutsche Bank mit Rekordverlust: Nach der Diagnose muss Cryan jetzt liefern

Deutsche Bank mit Rekordverlust: Nach der Diagnose muss Cryan jetzt liefern

, aktualisiert 28. Januar 2016, 09:38 Uhr
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Wohin steuert die Deutsche Bank? Chef John Cryan muss den Investoren jetzt eine Perspektive aufzeigen.

von Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Das stolze Geldhaus ist zu einem Sanierungsfall verkommen. Sogar im Investmentbanking ging es bergab. Bislang verzeihen die Investoren die Milliardenverluste noch. Aber das wird nicht ewig so bleiben. Ein Kommentar.

FrankfurtAm Ende kam es noch ein kleines bisschen schlimmer als befürchtet. Die Deutsche Bank hat unter ihrem neuen Chef John Cryan 2015 einen Verlust von 6,8 Milliarden Euro eingefahren. Das sind noch einmal 100 Millionen mehr, als in der überraschenden Mitteilung aus der vergangenen Woche angekündigt.

Nun macht dieser dreistellige Millionenbetrag den Kohl auch nicht mehr fett, aber er illustriert, dass es Deutschlands größtem Geldhaus in seiner jüngeren Geschichte wohl noch nie so schlecht ging wie heute. Das zeigt auch ein Blick auf den Aktienkurs. Seit Beginn der Ära Cryan gingen gut 40 Prozent des Börsenwerts verloren. Allein seit Anfang dieses Jahres summierte sich das Minus an der Börse auf über 20 Prozent. Das sind erschreckende Zahlen.

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Erschrecken dürfte die Investoren auch, dass für den horrenden Verlust 2015 nicht nur die üblichen Verdächtigen, das heißt hohe Rückstellungen für die diversen Rechtsrisiken und Abschreibungen für den Konzernumbau verantwortlich waren. In all der Düsternis leuchtete bisher zumindest ein Hoffnungsschimmer: In ihrem Kerngeschäft zeigte sich die Deutsche Bank bislang ziemlich robust.

Das hat sich im vierten Quartal geändert. Der bislang wichtigste Ertragsbringer der Deutschen Bank ist Ende 2015 eingebrochen. Die Investmentbanking-Sparte lieferte im vierten Quartal einen Vorsteuerverlust von knapp 1,2 Milliarden Euro ab. Die Erträge der Sparte schrumpften um 30 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro, damit nahmen die Investmentbanker im vierten Quartal sogar etwas weniger Geld ein als ihre Kollegen im Privatkundengeschäft, wo sich das Geldhaus von der Tochter Postbank trennen und rund 200 eigene Filialen schließen will.

Trotz der tiefroten Zahlen versuchte Cryan den Aktionären Mut zu machen: „Wir wissen, dass eine Restrukturierung sehr herausfordernd sein kann. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir die Deutsche Bank zu einer stärkeren, effizienteren und besser geführten Institution machen, wenn wir unsere Strategie weiter diszipliniert umsetzen.“  Die Investoren werden die Botschaft hören, aber ob sie sie auch glauben?

Bislang gibt es kaum Zweifel daran, dass der Brite Cryan der richtige ist, um die Deutsche Bank mit harter Hand zu sanieren, auch an seiner Strategie, das Geldhaus mit harten Schnitten im Investmentbanking und im Privatkundengeschäft gesundzuschrumpfen, scheint kein Weg vorbeizuführen. Cryan hat die richtige Diagnose gestellt und die Schwächen der Bank korrekt identifiziert. Jetzt muss er seinen Plan umsetzen, aber diese Sisyphos-Aufgabe ist in den vergangenen Wochen noch ein gutes Stück schwieriger geworden.


Keines der Probleme ist bisher verschwunden

Keines der Probleme, die der Bank das Leben im vergangenen Jahr schwer gemacht haben, ist verschwunden. Die Regulierer verschärfen weiter ihre Regeln, die Europäische Zentralbank wird weiter eine ultralockere Geldpolitik fahren, die die Margen der Banken auffrisst, und mit der Geldwäsche-Affäre in Russland schwebt weiter ein bedrohliches Rechtsrisiko über der Bank.

Als wäre das noch nicht anstrengend genug, sind noch ein paar neue Probleme dazugekommen, über die sich Cryan den Kopf zerbrechen kann. Die Angst vor einer empfindlichen Abkühlung der Weltkonjunktur und einem Absturz Chinas sorgt für Chaos an den Märkten, und das bekommen die globalen Banken besonders zu spüren. Seit Anfang des Jahres gerieten die Kurse der großen Geldhäuser weltweit unter Druck. Die Deutsche Bank traf es allerdings besonders hart, auch weil Cryan seinen Aktionären noch mehr zumutet als die Konkurrenz und für 2015 und 2016 die Dividende gestrichen hat.

Im Moment fallen einem kaum Gründe ein, warum es sich lohnen würde, Deutsche-Bank-Aktien zu kaufen. Damit sich das ändert, muss Cryan den Investoren eine Perspektive aufzeigen. Die Aktionäre haben verstanden, was die Bank in Zukunft alles nicht mehr machen will, jetzt muss der neue Chef erklären, wie denn das neue Institut am Ende des schmerzhaften Umbaus aussehen soll, wo in Zukunft das Geld verdient wird, und welche Rolle das Geldhaus für sich im globalen Wettbewerb sieht.

Bislang verzeihen die Investoren die Milliardenverluste noch, weil sie als unausweichliche Aufräumaktion erscheinen. Aber das wird nicht ewig so bleiben. Viel wird für die Bank davon abhängen, wie das erste Quartal läuft, traditionell das Beste im Bankgeschäft. Sollte sich die Schwäche im Kerngeschäft fortsetzen und sich der Abstand zur ohnehin enteilten US-Konkurrenz noch weiter vergrößern, wird der neue Chef allmählich in Erklärungsnot geraten.

Wenn man in dem ganzen Schlamassel nach so etwas wie einer guten Nachricht sucht, dann würde die wahrscheinlich so aussehen: Obwohl die Bank nach den dramatischen Kursverlusten inzwischen zum Schnäppchenpreis zu haben wäre, ist sie kein Übernahmeziel. Zu riesig ist die Bilanzsumme, zu groß sind die Risiken, zu enorm ist der Umbauaufwand, als dass potenzielle Käufer ernsthaft in Versuchung geraten könnten. Aber all diese Schwächen zeigen natürlich auch, dass das einst stolze Geldhaus endgültig zu einem Sanierungsfall geworden ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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