Deutsche Bank: „Wir haben hier eine geordnete Hauptversammlung“

Deutsche Bank: „Wir haben hier eine geordnete Hauptversammlung“

, aktualisiert 18. Mai 2017, 14:49 Uhr
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Auf mehreren Bildschirmen ist der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank während der Hauptversammlung in Frankfurt zu sehen.

von Milena MertenQuelle:Handelsblatt Online

Die Deutsche Bank predigt Kulturwandel. Sie will einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, wieder für Integrität und Glaubwürdigkeit stehen. Die Hauptversammlung zeigt: Der Plan geht nicht so leicht auf.

FrankfurtPünktlich zur Hauptversammlung präsentiert Deutsche Bank-Vorstandschef John Cryan einen brandneuen Imagefilm der Deutschen Bank, unter dem neuen Slogan „Positive Impact“, zu deutsch: „Positiver Beitrag“ – mit Hashtag davor, weil man das nun mal heutzutage so macht. Wirkt hip, jung und steht ja auch irgendwie für diese Digitalisierung, von der alle reden. Aber vor allem symbolisiert der Slogan den groß angekündigten Kulturwandel bei der Deutschen Bank.

„Die Deutsche Bank wird wieder für Integrität und Glaubwürdigkeit stehen!“, kündigt Cryan an. Dann startet der Film: Seichte Musik im Hintergrund, entrückt lächelnde Mitarbeiter, die vom „positiven Beitrag“ der Deutschen Bank schwärmen. Im Zeitraffer werden Wolkenkratzer hochgezogen, man sieht Menschen im friedlichen Einklang mit Robotern, auf Baustellen oder in hippen Start-up-Lofts. Dazwischen werden immer wieder erklärende Schlagworte eingeblendet, etwa „Digitalisierung“ oder „Baufinanzierung“, natürlich mit Hashtag. „Die machen nicht nur was für die Finanzwelt, sondern auch für die gesamte Gesellschaft“, sagt ein Mitarbeiter mit völlig authentischem und unverkrampftem Lächeln.

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Bereits Anfang Mai war der neue Slogan bekannt geworden, der das alte Motto „Leistung aus Leidenschaft“ ablöst. Die Kampagne ist Teil des Kulturwandels bei der Deutschen Bank. Statt riskanter Zockergeschäfte sollen jetzt die Kunden an erster Stelle stehen. Simple Produkte statt komplexe Derivate. Bodenständigkeit statt Arroganz. So richtig kauft das der Deutschen Bank niemand ab. Das wird auch bei der Hauptversammlung deutlich.

Schon bei der Begrüßungsrede am Morgen wird Aufsichtsratschef Paul Achleitner immer wieder von wütenden Zwischenrufen aus dem Publikum unterbrochen. „Es lohnt sich, für die Deutsche Bank zu kämpfen!“, ruft er den etwa 3.600 Aktionären in der Frankfurter Festhalle zu. Ein demonstrativ höhnisches Auflachen tönt aus der Menge. Achleitner spricht betont ruhig weiter. Später wendet er sich dann doch an die Pöbler im Publikum. „Wir haben hier eine geordnete Hauptversammlung“, rügt er. Wer sich zu Wort melden wolle, habe dazu später die Gelegenheit.

Noch bevor Achleitner zur Tagesordnung übergehen kann, stellt der kritische Aktionär Michael Bohndorf einen Abwahlantrag gegen den Aufsichtsratschef. Achleitner sei befangen und handle im Eigeninteresse, poltert der Aktionär. Es sei nicht zulässig, sich selbst zur Wiederwahl in den Aufsichtsrat zu stellen. Außerdem habe er seine Pflichten grob verletzt, als es um die Aufarbeitung des Libor-Skandals ging.

Die Libor-Affäre ist nur eine der vielen Skandale der Finanzkrise, in die die Deutsche Bank verwickelt war. 2012 war bekannt geworden, dass zahlreiche Banken den Referenzzins Libor jahrelang systematisch manipuliert hatten, um höhere Gewinne zu scheffeln. Die britische Finanzaufsicht FCA hatte Achleitner mangelnde Kooperation bei der Aufklärung des Libor-Skandals vorgeworfen.

Doch 99,75 Prozent der 3600 Aktionäre lehnen den Abwahlantrag ab. Für Anwalt Klaus Nieding, der für die DSW spricht, war das klar: „Es gäbe nur einen Grund, den Versammlungsleiter abzuwählen: wenn er bei der Leitung der Hauptversammlung Fehler gemacht hat.“


Angespannte Stimmung bei der Hauptversammlung

Doch der Libor-Skandal war nicht der einzige Grund, warum das zurückliegende Jahr für die Deutsche Bank „turbulent“ war, wie Vorstandschef Cryan es mit britischem Understatement und einem angedeuteten Lächeln nennt.

Im Herbst 2016 machten Verhandlungen der Deutschen Bank mit dem US-Justizministerium Schlagzeilen. Die US-Behörden forderten 14 Milliarden Dollar wegen fauler Hypothekenkredite aus der Zeit vor der Finanzkrise. Es kursierten Gerüchte, die Deutsche Bank müsste vom Staat gerettet werden. Die Folge: Der Aktienkurs stürzte auf unter zehn Euro ab – ein historischer Tiefstand. Die Bank rutschte in eine tiefe Vertrauenskrise, Kunden zogen Milliarden ab.

Cryan erklärt, er wolle die Deutsche Bank wieder zu einer Bank machen, der die Kunden vertrauen, die stärker in ihrem deutschen Heimatmarkt verankert ist, die nachhaltige Gewinne erzielt und verlässlich Dividenden auszahlt.

„So wie sich die Situation normalisiert, so werden wir auch bei der Deutschen Bank unsere Mitarbeiter wieder marktgerecht bezahlen“, sagt Aufsichtsratschef Achleitner. Den früheren Vorstandsmitgliedern droht dagegen finanzielles Ungemach. Der Aufsichtsrat hat sich intensiv mit der Frage befasst, ob den seinerzeit amtierenden Vorstandsmitgliedern eine persönliche oder kollektive Verantwortung für Fehler der Vergangenheit zukommt. Noch gibt es kein abschließendes Ergebnis, aber immerhin „befindet sich der Aufsichtsrat mit den betroffenen Ex-Vorständen in fortgeschrittenen Gesprächen“, versichert Achleitner.

Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr, wie sehr die neue Mannschaft an der Spitze ihre Vorgänger für die Skandale der Vergangenheit verantwortlich macht. „Es waren mit Sicherheit nicht immer alles ehrbare Kaufleute in der Deutschen Bank“, meinte Vize-Vorstandschef Christian Sewing in einer TV-Dokumentation des ZDF.

Tatsächlich erhalten die Aktionäre dieses Jahr wieder eine Dividende von 0,11 Euro pro Aktie und nachträglich für das Vorjahr 0,08 Euro je Aktie. Allerdings nur, weil einige Aktionäre die Zahlung dieser gesetzlichen Mindestdividende vor Gericht erstritten hatten.

Dafür spart die Bank jetzt an anderer Stelle. Die Boni für den Vorstand wurden zum zweiten Mal in Folge gestrichen. 9.000 Jobs sollen abgebaut werden. Und noch nicht mal eine Fahrkarte für den Öffentlichen Nahverkehr für die Aktionäre ist drin. „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass die Anreise zur Hauptversammlung in diesem Jahr auf eigene Kosten erfolgt“, hatte die Deutsche Bank in ihrer Einladung an die Aktionäre geschrieben. Diese Ankündigung hatte bereits im Vorfeld bei einigen Aktionären für Irritation gesorgt.

Entsprechend angespannt ist die Stimmung bei der Hauptversammlung. Trotz hartem Sparkurs und Sanierungsmaßnahmen ist die Bank nicht profitabel und die Aktie nach sechs Kapitalerhöhungen stark verwässert, kritisieren die Aktionäre. Allein bei der letzten Kapitalerhöhung im Frühjahr hatte die Bank nochmals acht Milliarden Euro eingesammelt. „Das Geld ist weg“, fasst es Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger lapidar zusammen. Da helfe es auch nichts, dass die Vorstände auf ihre Boni verzichten. „Es reicht nicht, auf etwas zu verzichten, das sie ohnehin nicht verdienen.“

Wie groß der Unmut bei den Aktionären tatsächlich ist, wird sich bei der Wiederwahl von Aufsichtsratschef Paul Achtleitner sowie bei der Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats am Nachmittag zeigen. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass es zu einer Rebellion gegen die Führung kommen wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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